ALS DIE NEUE STRASSE INS PAZNAUN GEBAUT WURDE

Zuerst wurde die Brücke über die Trisanna gebaut, und Kaiser Franz Joseph persönlich stattete dem neuen Bauwerk im September 1884 einen Besuch ab. Gleichzeitig waren die Gemeinden des Paznaun einig, dass eine neue Straße ins Tal gebaut werden sollte. Hier die spannende Geschichte eines epochalen Bauwerks.

Die Planung der neuen Straße hatte schon Anfang der 1880er Jahre der Landesoberingenieur Anton Geppert besorgt. Die Straße sollte von Wiesberg bis nach Galtür führen. Allerdings sollte die neue Straße nur im Gföll und im Obertal der Trasse des alten Wegs folgen. Zwischen See und Ulmich wurde die Straße von der Sonnseite auf den Talboden verlegt.

Das gefiel der Gemeinde Kappl nicht. Sie fühlte sich übervorteilt und klagte gegen den neuen Straßenverlauf beim Verwaltungsgerichtshof. Die Klage wurde jedoch abgewiesen. Die Gemeinde wurde per Gerichtsbeschluss zur Beitragsleistung verpflichtet.

Aufnahme aus dem Jahr 1900: Trisannaviadukt mit Blick talauswärts

In der Presse wurden Für und Wider erwogen, teils mit abenteuerlichen Argumenten. In den „Tiroler Stimmen“ argumentierte ein Straßengegner zum Beispiel so: „Von den beiden Vorstehern des Obertales wurde als einer der Hauptgründe für den Bau der neuen Straße angeführt, dass dann der Touristenzug seine Richtung ins Paznaun nehmen würde – Allein Paznaun zu einem Touristental machen zu wollen, heisst gerade soviel,  als wenn man eine Quelle, welche unter den gewöhnlichen Bestandteilen guten Trinkwassers fünf Tausendstel Schwefel und drei Tausendstel Eisenoxid enthält, zu einem berühmten Heilbad aufbauschen zu wollen. Paznaun bleibt ein Alpental und soll auf Verbesserung seiner Alpenwirtchaft dringen, das bringt ihm mehr Nutzen als eine Hand voll Touristen.“

Das sollte sich, wie wir wissen, als kapitale Fehleinschätzung erweisen.

Das Gasthaus „Zur neuen Straße“ eröffnete 1886 im Weiler Ebene
Das „Gasthaus zur Trisannabrücke“ wurde 1890 erbaut. Im Hintergrund klein sieht man die erste Mauteinhebestelle

Gleichzeitig drängten weitsichtigere Kräfte aus Galtür und Ischgl auf eine bessere Anbindung ihrer Gemeinden an das Inntal. Sie reichten eine Petition an den Reichsrat in Wien ein, die Straße im selben Maß zu unterstützen wie die Tiroler Landesregierung.

Am Schluss kam eine, wenn auch nicht gerade üppige Finanzierung zustande. Die k.u.k. Regierung in Wien bezahlte ebenso wie der Tiroler Landtag 12.000 Gulden. Auch das Ackerbauministerium, der Forstärar und der Alpenverein steuerten Zuschüsse bei. 1885 begannen die Bauarbeiten.

Feier der Alpenvereinssektion Asch im Gasthaus Gföll an der neuen Talstraße
Die Gfällbrücke über die Trisanna. Sie stürzte kurz vor der Fertigstellung der Straße ein und musste ein zweites Mal gebaut werden

Für den Löwenanteil des Straßenbaubudgets mussten freilich die Gemeinden selbst gerade stehen. Alle vier Talgemeinden mussten Kredite aufnehmen und praktisch das gesamte Gemeindevermögen verpfänden, um die Kosten für die neue Straße zu stemmen. Die Gemeindeumlagen wurden erhöht. Die Straßenbauer mussten sich von den Gegnern des gigantischen Projekts nicht nur einmal anfeinden lassen.

Dazu kamen zahlreiche Schwierigkeiten. Ein italienischer Bauarbeiter wurde von einem herunterstürzenden Felsen erschlagen. Die Brücke unterhalb des Wirtshauses „Gföll“ stürzte kurz nach ihrer Fertigstellung ein und musste ein zweites Mal gebaut werden.

Ende 1886 war die Straße mehr oder weniger fertig. Eine Postverbindung wurde installiert. Aber erst am 25. September 1887 wurde die Straße feierlich eröffnet. 40 Festgäste fuhren mit neun Wägen die neue Straße entlang nach Galtür, wo der spezielle Abend mit einem Feuerwerk gefeiert wurde.

Um die hohen Baukosten zurückzuverdienen, wurde unterhalb von Schloss Wiesberg eine Mautstelle eingerichtet. Alle Lebewesen, die auf der Straße taleinwärts wollten, mussten für die Straßenbenützung bezahlen. Für Kleinvieh wie Schafe, Ziegen, Schweine und Hunde wurden vier Kronen pro Nase fällig. Für Großvieh wie Pferde, Esel, Rinder und Kälber mussten zehn Kronen bezahlt werden. Einspännige Lastfuhrwerke bezahlten 20, zweispännige 40 Kronen. Zweispännige Personentransportwagen mussten 60 Kronen abliefern.

Nur Menschen reisten billig, ohne Unterschied ob einheimisch oder fremd: Für sie wurden nicht mehr als zwei Kronen fällig. „Tote Tiere, Katzen, Wild und Geflügel“ waren übrigens von der Mautgebühr befreit.

Immer wieder wurde die neue Straße von Muren, Lawinen und Erdrutschen in Mitleidenschaft gezogen, was teure Reparaturen notwendig machte. Aber schon bald war klar, dass das gewagte Bauwerk die Verhältnisse zum Besseren veränderte. Am Rand der neuen Talstraße entstanden neue Häuser, Siedlungen und Gastwirtschaften.

1888 meldeten die gerade noch so kritischen „Tiroler Stimmen“: „Das Tal Paznaun wird seit den letzten Jahren von Touristen und Sommergästen aus nah und fern immer zahlreicher besucht. Was zum Besuche einlädt, ist erstlich die neue, bequeme Fahrpoststraße, welche seit einem Jahre erst vom Bahnhof in Pians bis Galtür führt, sodass sich der Reisende, ob er fahren oder gehen will, über die Wege nicht mehr zu beklagen hat…“

Die Postkutsche des Postmeisters Ignaz Heiß fuhr jetzt täglich von Ischgl nach Pians und retour. „Ischgl“, hieß es in der Zeitung, „ist ein stattlicher, heiter gelegener Ort. Was die Gasthäuser betrifft, so hat sich heute wohl kein Fremder mehr zu beklagen.“