Auf den Spuren der Schwabenkinder

Bis in die Fünfzigerjahre schickten arme Bergbauern aus den Alpen, darunter dem Paznaun, ihre Kinder nach Süddeutschland zum Arbeiten. Auf ihrem Weg dorthin, dem sogenannten Schwabengehen, überquerten die Kinder die Bergketten des Silvretta Gebirges. Heute kann man ihre Wege erwandern.

Es muss ein trauriges Schauspiel gewesen sein, als sich hunderte Kinder, keines älter als 14 Jahre, am Marktplatz von Ravensburg versammelten. Dort warteten sie, bis die Bauern aus der Umgebung kamen, um sie mitzunehmen. Die nächsten Monate würden sie auf ihren Höfen arbeiten, die Mädchen als sogenannte Kindsmägde, die Buben als Viehhirten. Entlohnt wurden die Kinder nicht mit Geld, sondern mit Mahlzeiten. Die Eltern, meist Bergbauern, waren nämlich so arm, dass sie ihre Kinder nicht mehr verpflegen konnten.  Auf den Höfen in Oberschwaben dagegen wurde die Arbeitskraft dringend gebraucht.

Erste Erwähnungen des sogenannten “Schwabengehens” fand man bereits im 17. Jahrhundert. Ein Pfleger auf Schloss Bludenz, Johann Conrad Kostner, schrieb erstmals darüber, dass Kinder aus Tirol zum Arbeiten nach Ravensburg geschickt wurden. Historiker schätzen, dass im 19. Jahrhundert etwa sechstausend Kinder aus Alpendörfern im heutigen Deutschland arbeiteten. Zwar wurden die sogenannten Kindermärkte schon im Jahr 1915 verboten, die Kinderarbeit fand aber erst in den 1950er Jahren, mit der Einführung der Schulpflicht, ein Ende.
Für die Kinder aus dem Paznaun war die mehrtätige Wanderung, von Galtür über die schneebedeckten Bergpässe der Silvretta besonders gefährlich. Viele Eltern begleiteten ihre Kinder noch bis zum „Rearkappelli“, einer kleinen Kapelle in Zeinisjoch bei Galtür. Der Name „rera“, was soviel wie weinen bedeutet, erinnert an die Tränen, die flossen, als sich die Eltern von ihren Kindern verabschiedeten. Denn die Wanderung durch die Berglandschaft war ein Aufbruch ins Ungewisse, einige der Kinder sind auf den beschwerlichen Wegen sogar ums Leben gekommen. Übernachtet haben sie meist in Scheunen oder Klöstern, gelegentlich auch, trotz Eiseskälte, unter freiem Himmel. Das Schicksal der Bergbauernkinder wurde in dem Filmdrama „Schwabenkinder“ von Jo Baier dokumentiert. In dem Projekt wurde die Geschichte der Kinder neu erforscht. Entstanden sind Datenbanken mit Biografien, die auf Schautafeln entlang der Wanderwege von Galtür nach Oberschwaben ausgestellt sind.