AUSSERWIND. DER ZWEITE TEIL

Das ist der zweite Teil der Erzählung „Ausserwind“ der Schriftstellerin Barbara Aschenwald. Den ersten Teil können Sie hier nachlesen.


Sie gingen spät zu Bett. In ihrem Schlafzimmer waren beide Fenster weit geöffnet, die Luft war ebenso kalt wie die Luft im Wald, man roch den Schnee, der alles sauber machte. Die Kissen und das Bettzeug waren luftig aufgeschüttelt wie im Märchen von Frau Holle, es war fast, als wären sie voll Pulverschnee. Das Laken war kühl, und im dicken Nachtgewand stiegen beide ins Bett, wo es bald warm wurde und es sich herrlich schlief. Draußen im Wald brüllte ein Hirsch. Der Kaffee für die Thalbachs stand in der großen, schweren Thermoskanne auf dem Frühstückstisch, daneben das Glas Preiselbeeren. »Ein Ziel«, dachte Mattea noch vor dem Einschlafen, »ein Ziel.« Was konnte das denn sein? Der Ausserwind zog sachte die dünnen Vorhänge nach draußen und blies sie zusammen mit kalter Luft wieder ins Zimmer. »Gute Nacht«, sagte Peter. »Ich bin froh, dass ich dich habe.«

Am nächsten Morgen sah man Reifenspuren im frischen Schnee vor dem Haus, auf dem Parkplatz war ein dunkler Fleck, nur leicht weiß bestäubt. Die Saison war für Mattea vorbei. Und wie sie es sich vorgenommen hatte, räumte sie das Haus auf. Es war nicht groß, im unteren Stock wohnten sie beide, in den zwei Obergeschossen waren Gästezimmer. Mattea hatte kein Zimmermädchen, sondern besorgte das Haus und die Gästewirtschaft selbst. Größere Häuser beschäftigten oft mehr als ein Zimmermädchen – neben einer ganzen Blase an weiterem Personal: Köche, Servierer und Kellner, Masseure, Putzfrauen, Kosmetiker, von den ganzen Bergführern, Skilehrern und Liftangestellten gar nicht zu sprechen. Es war in der Tat so, dass abseits vom Tourismus hier nur wenige Berufe existierten: Kindergärtner, Lehrer, Pfarrer, Arzt, Krankenschwester, Einzelhandelskaufmann – und Elektriker. Die meisten der jungen Leute gingen weg.

Wenn Peter nicht gewesen wäre, Peter mit seiner Art, sie immer zu fragen, was sie selber denn wolle, wäre sie auch nicht mehr da. Es gab diese zwei Gründe, hierherzukommen und zu bleiben: Heirat oder Gastwirtschaft. Oder beides zugleich.

Mattea war im Frühstücksraum und verräumte die übrigen weihnachtlichen Sachen aus den Schubladen und Kommoden: Mit Stechpalmen bestickte Tischwäsche, die Servietten mit den roten tropfenden Kerzen auf Tannenzweigen, Weihnachtsbäume aus Porzellan, in die man ein kleines Teelicht stellen konnte für die einzelnen Tische. Sie konnte das alles nicht mehr sehen, und wie wohltuend war es, das alles nun in den Keller tun zu können. Seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, das Haus sei geräumiger, ihr Kopf freier, und die festliche Freude über ein gelungenes Ende breitete sich leise in ihr aus. Aber als sie die Fenster im Frühstücksraum putzte und die Ballunspitze aus dem Nebel auftauchte, der aussah wie von unsichtbaren Händen verwischt, fiel es ihr wieder ein: »Was ist das für ein Berg?« Dieses eitle, selbstgefällige Witwelein mit den Creolen und dem Lippenstift! Das Nachbarhaus war eines der wenigen ohne Gästezimmer. Hätte es welche gehabt, hätte sie sich nicht so in ihren Kummer hineinsteigern können, dass sie bei offenem Fenster laut schluchzend in der Küche saß. Wenn ein Unglück das Leben unterbrach, so musste es doch danach trotzdem weitergehen, aber hier hatte die Frau nach dem Unglück einen Punkt gesetzt. »Keine Kinder, keine Schulden, keine Gäste und keine Arbeit. Deshalb muss man dann ja im Ort herumlaufen, Kaffee trinken, die Leute auf der Straße aufhalten und sie fragen, was das für ein Berg sei und was wir denn hier machen.«

»Was machen wir denn hier? Arbeiten, essen, trinken, atmen, heiraten, tanzen, schlafen, Kinder großziehen, trauern, lesen, feiern, Frühstück machen und die Betten, und sterben. Und die Steuer«, dachte Mattea, weil sie an Peter dachte.

Sie räumte das Zimmer der Thalbachs auf, zog die Betten ab, wusch die Wäsche, putzte das Bad und saugte den Boden. Bei alldem war sie guter Laune und freudig gestimmt, die offenen Fenster und die offene Haustür bewirkten, dass sich die Luft im Haus bewegte, es war drinnen jetzt fast genauso kalt wie draußen. Mattea zog sich ihre Strickjacke an und machte sich eine Tasse Kaffee. Was war denn eigentlich das Ziel in ihrem Leben? Dass sie, anders als alle anderen hier, nach Lichtmess keine Gäste mehr nahm? »Du hast wohl in der Lotterie gewonnen«, höhnte eine der Nachbarinnen, nachdem sie beim Tourismusverband von der Sekretärin erfahren hatte, dass Mattea ihre Saison auf drei Monate verkürzt hatte. »Es reicht aus«, hatte sie geantwortet.

Es hatte im Ort nicht nur Gegner des Zusammenschlusses der Skigebiete gegeben. Aber der Großteil war dagegen gewesen und bis heute froh über die getroffene Entscheidung.

Es geht uns auch so gut.

Da warf der Ausserwind die Tür zu und riss sie gleich wieder auf, weil sie nicht ins Schloss gefallen war. Das Schluchzen war wieder zu hören, obwohl Peter nicht zuhause war.

Mattea ärgerte diese übersteigerte Traurigkeit jetzt regelrecht, sie rief keinerlei Mitleid mehr in ihr hervor, sondern nur noch Wut. Das war doch keine Trauer, das war Dekoration. Bei offenem Fenster noch dazu! Zwei Jahre war es jetzt her. Mattea fiel ihr Vater ein, der an einem Gefäßriss gestorben war. Er hatte sich gebückt, und das dickste Gefäß im Körper war eingerissen, zwei Tage später war er tot. Ihre Mutter war anfangs mit den Beerdigungsvorbereitungen beschäftigt gewesen, war aufgekratzt, zwischendurch wie sonst auch immer, und zum Schlafen bekam sie Medikamente. Zu trauern hatte sie erst nach der Beerdigung begonnen, vorher konnte sie gar nicht begreifen, dass ihr Mann nun tot war. Als diese Tatsache ihr dann zu Bewusstsein gekommen war, war sie wie ausgewechselt. Stumpf, trüb und fremd. Aber geweint hatte sie nicht. Und vielleicht auch aus diesem Grund war Mattea überzeugt davon, dass lautes Weinen kein Ausdruck der Trauer war, sondern vielmehr der egoistischen Effekthascherei, eine Art, das Umfeld zu zwingen, herzusehen und zu bemitleiden. Dabei verspürte doch niemand tatsächlich Mitleid. Aber lieber noch als der Weinenden auf den Kopf zuzusagen: »Ersparen Sie sich das Theater!«, spielte man zumindest kurzfristig mit. Das war auch der Grund, weshalb man sich in der Nähe von so jemandem schämte.

Der restliche Kaffee in ihrer Tasse war inzwischen kalt, und Mattea beschloss, zum Nachbarhaus hinüberzugehen. »Es ist mir gleich«, dachte sie, »ich sage es ihr, und wenn sie sich auflöst in Tränen. Was für ein sentimentales Rührei! Andere Leute haben noch drei Kinder und deshalb finanzielle Sorgen, wenn der Mann stirbt – das gibt es hier alles nicht! Das ist nur Dekoration, nur Dekoration. Keine anderen Sorgen haben und nichts zu tun, das ja!«

Mattea setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ihre Hausschuhe knirschten im Schnee, darunter war es aber eisig glatt. Das Nachbarhaus war nur einen Steinwurf entfernt, es schaute mit zwei Fenstern wie Augen auf das Haus von Peter und Mattea, so, als wäre es verliebt und wüsste, dass der andere nicht entrinnen und es ihn ewig so anschauen kann. Es war ein neues Haus, aus Holz zwar, aber mit einem lachen Dach, die Mauern ringsum waren Eisengitter, die Steine umschlossen, das Licht an der Außenfassade kam modisch von unten, in den Fenstern hing nichts, und es gab auch keine Vorhänge. Im Garten waren keine Tannenzweige auf den Blumenbeeten, sodass man annehmen musste, dass das, was in den Beeten stand, erfroren war, an der Tür war aber eine ebenfalls moderne Glocke mit Kameraauge, damit man von drinnen sehen konnte, wer vor der Tür stand. Es war kein Türspion, sondern tatsächlich eine kleine Kamera. Mattea fühlte sich augenblicklich unbehaglich. Als gäbe es hier jemanden, der einen Einbruch versuchen würde. Nichts war abwegiger als dieser Gedanke, dass sich in die kleine Ortschaft eine Räuberbande einschlich und in der Nacht einbrach – sie käme nicht einmal an der Ortstafel vorbei, ohne sofort gesehen und als solche erkannt zu werden.

Vor dem Haus hatte Julia versucht, einen kleinen Gemüsegarten anzulegen – an der Wand lehnten Werkzeuge, ein Spaten mit gefrorener Erde an der Schaufelspitze, eine Gabel, eine Pendelharke – , das Werkzeug war ofenbar neu und wenig gebraucht, die Holzstiele blank und sauber bis auf wenige erdige Fingerabdrücke. Mitten im Schnee standen auf dem Fensterbrett in einer Plastikschale verschiedene Samentütchen – Blumen, Salat, Radieschen, Kräuter. Ein ausgewachsener Stängel rote Gartenmelde ragte hoch auf wie ein eingeschneiter Blitzableiter.

Was machen wir denn hier?

Die moderne Fassade war in einem ins Rosa schlagenden Apricot-Ton gestrichen wie die Häuser Süditaliens. Doch das, was den Eindruck von Wärme und Behaglichkeit vermitteln sollte, sagte hier das genaue Gegenteil, nämlich: Ich bin fehl am Platz. Kleine Fenster, niedrige Türen, Holz und Stein mit Giebeldächern – so baute man heutzutage zwar nicht mehr, aber es passte in die Landschaft und zur Witterung. »Wenn man nicht hier leben will, braucht man doch nicht hier zu leben«, dachte Mattea. Und dann noch am ofenen Fenster zu heulen wie eine Sirene, aber dableiben und allen mit seinem Geschluchze auf die Nerven fallen. Sonderlich originell war das auch nicht.

Mattea erinnerte sich an die Beerdigung des Ehemannes. Julia, ganz in Schwarz, saß in der kleinen Kirche in der ersten Reihe und machte einen verdutzten Eindruck. Im Profil sah sie aus wie ein Vogel, der trinken wollte, ihre Hände lagen in ihrem Schoß, die großen Creolen berührten ihre Schultern so wie das rote Haar des Pagenkopfes. Alle Bankreihen waren so voll, dass kein Blatt Papier zwischen die Leute gepasst hätte, manche standen vor der Tür, dauernd fiel der Lautsprecher aus, und den Sarg, der vorne am Altar stand, bedeckte ein riesiges, geschmackloses rotes Herz mit lasziv herabhängenden Efeuranken und weißen Winden, die sich wie die Locken einer Geliebten an den Deckel schmiegten. Ihr schweres Parfum kroch noch in die geheimsten Winkel der Kirche, und sie trug Schuhe mit hohen, klappernden Absätzen. Der Priester hielt die Seelenmesse, neben ihm schwang ein Ministrant mit Brille und kurzem blonden Bürstenhaarschnitt, der mit sichtbarem Genuss in der Nase bohrte, das Weihrauchfass. Bei den Worten »… hinterlässt eine Frau«, begann Julia, laut zu weinen, es schüttelte sie nur so, ihre Wimperntusche zerrann auf dramatische Art und Weise, und beim Versuch, sich die Nase zu putzen, verwischte sie auch noch ihren kirschroten Lippenstift. Während man den Sarg und die Kränze auf den Kirchhof trug – allen voran gingen der Pfarrer samt Ministranten und Messdiener, der das Gefäß fürs Weihwasser schleppte, das man hatte neu befüllen müssen, weil jemand im allgemeinen Gedränge es umgestoßen hatte – , schaute die Ballunspitze gleichgültig auf die kleinen Menschen herunter. Sie war schon da gewesen, als es noch gar keine Menschen gab. Als der Pfarrer, nachdem er die Erde auf den Sarg gestreut und das Weihwasser darüber gespritzt hatte, Julia den Weihwasserpinsel gab, stand sie einen Moment lang wie in Erwartung, dass auch sie tot umfalle, mit ergeben zum Himmel gerichteten Augen vor dem Sarg. Die Leute auf dem Friedhof sahen einander fragend an, eine alte Frau schüttelte den Kopf, jemand fragte halblaut, in welchem Gasthaus der Leichenschmaus sei.

Da ließ Julia den Weihwasserpinsel fallen, warf sich auf den Sarg und rief laut weinend aus: »Ach Giacomo, mein Lieber, Guter, wieso hast du mich verlassen! Was soll ich ohne dich! Ich bleibe nicht hier und wenn ihr mich totschlagt! Ich gehe ins Wasser! Ich springe von der Ballunspitze! Es hat doch alles keinen Sinn so!«, und legte den Kopf auf den Sargdeckel, die Hände zum Kreis geformt, der auf dem Herz aus Rosen ruhte.

Der Messdiener sprang herbei, er fädelte einen ihrer großen Ohrringe aus dem Kreuz am Sargdeckel, er hatte sich darin verfangen. Sie weinte immer noch laut, und alle schämten sich. Der Pfarrer sah den Messdiener an, der an seinen angestammten Platz neben ihm zurückgekehrt war, und hob die Augenbrauen. Also trat der Messdiener wieder vor, legte Julia unbeholfen die Hand auf die Schulter und sagte: »Nicht doch, nicht doch, meine Liebe, wir alle müssen leben, was soll man machen?«

Da fiel Mattea, die in einer der hinteren Reihen stand, auf, dass außer einer dicken, blonden Frau im gleichen Alter niemand bei der Witwe war. Sie stand etwas hinter Julia und hatte eine ofenbar schwere Tasche umgehängt, deren Trageriemen sie immer wieder auf die Schulter zurückziehen musste.

Übrigens – es war ein prächtiger Frühlingstag. Die Sonne wärmte bereits die starr gefrorene Erde, und da und dort spross das gelbe fettglänzende Scharbockskraut hervor. Die Luft roch nach den süssen Pollen der Haselnüsse und frischen, grünen Birkenblättern. Trotzdem hatte man das Grab nur mit sehr viel Mühe ausheben können, denn es befand sich auf der Nordseite des Friedhofs im Schatten der Kirche.

Mattea war an der Tür des Nachbarhauses angekommen. »Ich sage ihr«, dachte sie bei sich, »dass sie aufhören soll, sich verrückt zu stellen und jeden zu fragen, was das für ein Berg ist.« Aber das war doch eigentlich gar nicht ihre Sache, mit welcher Berechtigung war sie also hier? Es konnte doch jeder Parfum benutzen, Creolen tragen, sich hineinsteigern in was er wollte oder so laut weinen wie er wollte. »Dann sage ich ihr, dass sie wenigstens das Fenster schließen soll. Ach was, ich sage ihr auf den Kopf zu, dass sie aufhören soll mit diesem Theater und sich eine Arbeit suchen! Zu feinfühlig und rücksichtsvoll – so kommt man nie zu etwas!« Grob und direkt heraus zu sein, hieß wenigstens, Entschlossenheit und einen klaren Standpunkt zu vermitteln, und löste also die Frage, wie man denn handeln sollte. Und wenn man zu lange fragt, tut man am Ende nie etwas. »Ach was«, dachte Mattea und drückte die Klingel. »Ich sage es ihr auf den Kopf zu!«

Sie hörte Schritte im Flur. Die Tür ging auf, und da stand sie: Julia, barfuß, obwohl es so kalt war, das rote Haar von einem Reif gehalten, ungeschminkt und ohne ihre großen Ohrringe. Bleich und erfroren sah sie aus in ihrem Schlafanzug, der ihr zu groß war, er sah aus wie der eines Mannes. Überrascht blickte sie Mattea einen Moment lang an, um dann zu sagen: »Du bist es? Das ist aber schön.«

»Ja, ich«, sagte Mattea. »Ich wollte …«

»Komm doch herein, es ist kalt«, hörte Mattea und stand schon im Haus. Seltsam war es hier, kein Bild an der Wand, kein Teppich auf dem Boden. Mattea stand im Windfang, und der Schnee an ihren Schuhsohlen schmolz. Sie streifte die Hausschuhe ab, Julia stellte ihr ein Paar Filzpantofeln vor die Füsse.

»Nimm die hier«, sagte sie. »Du trinkst bestimmt einen Kaffee, nicht wahr?«

»Eigentlich habe ich nicht viel Zeit, ich wollte nur …«, sagte Mattea.

»Es ist kein Aufwand, ich habe gerade welchen aufgebrüht. Und ein kleines Stück Kuchen«, sagte Julia und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Hier ist die Küche, setz dich doch kurz, tu mir den Gefallen!«

Mattea betrat den hohen Raum, modern und groß mit einem Küchenblock in der Mitte und hohen Barhockern, auf die man sich wie an einen Tresen setzen konnte. An der Wand hing ein Hochzeitsfoto von Julia und ihrem Ehemann. Mattea erinnerte sich gut an das Brautkleid mit langer Schleppe, das aber vorne kurz war, sodass man beinahe die Knie der Braut sehen konnte, es war mit Fransen besetzt, die wie Volants ausfielen, auf dem Kopf trug Julia einen Schleier, dessen Farbe nicht ganz zum Kleid passte, auf dem Bild hob sie den Brautstrauß aus weißen Orchideen hoch über ihren Kopf und lächelte glücklich, der Bräutigam in Frack und weißem Hemd mit seinem seltsamen, spitzen Bärtchen schaute direkt in die Kamera, und seine Hand war ebenfalls über seinem Kopf und berührte den Brautstrauß. Hinter ihnen erkannte man die Ballunspitze. »Was ist das für ein Berg?«, fiel Mattea ein.

»Ich bekomme doch so gerne Besuch«, sagte Julia, »ich bin viel allein. Meine Eltern, weißt du, waren so ganz und gar gegen meine Ehe mit Giacomo, weißt du …«

»Ach du liebe Zeit«, dachte Mattea. »Jetzt spielt sie den Leierkasten.«

»Er war ja auch ein Hitzkopf, das gebe ich zu, er suchte ständig Streit, hat sich auch geprügelt, aber war sonst ein herzensguter Mensch, er hat ja eingesehen, dass es nicht richtig ist … und das ist doch auch was. Ich hoffe, du magst ein Stück Linzer Schnitte? Sie ist selbst gebacken – obwohl ich eigentlich keinen Besuch bekomme. Die Leute trauen sich nicht her, glaube ich. Irgendwie bin ich ihnen wohl suspekt.«

»Ach, du weißt doch, wie die Leute hier sind«, sagte Mattea und wusste selbst nicht warum. »Es ist eben ein kleines Dorf.«

»Ja, aber gerade deshalb«, sagte Julia und stellte ein Stück Kuchen vor Mattea, »da möchte man doch denken, dass gerade hier die Gemeinschaft noch enger ist. Dass man sich gegenseitig besucht.« Sie goss Kaffee ein. »Gerade in so einer Zeit im Leben möchte man sich so viel von der Seele reden, man möchte weinen, erzählen, sich Luft machen.«

Mattea sah sich um. Vor ihr standen eine volle Tasse Kaffee und ein großes Stück Kuchen, ihre Hausschuhe trockneten in der Diele, und ihr eigenes Haus kam ihr plötzlich meilenweit entfernt vor. Ihr war unbehaglich.

»Weißt du, ich glaube, weil ich es nie jemandem erzählen kann, überfällt mich manchmal die Verzweilung. Gerade wenn ich dann bei euch drüben das Licht sehe und euch zusammensitzen – Mann und Frau in Liebe und Harmonie in ihrem gemeinsamen Haus, warm, gemütlich… Da wird mir dann bewusst, dass das alles für mich nicht mehr erreichbar ist. Das, was das Leben ausmacht, ist vorbei.«

»Du bist jung«, sagte Mattea, »es steht dir alles offen. Das Haus ist schuldenfrei.«

»Oh nein«, sagte Julia, »das ist es nicht. Der Fonds der Gemeinde hat zwar viel getilgt, aber es fehlen noch fünfzigtausend. Wo soll ich die hernehmen? Du sagst jetzt bestimmt: ›Geh doch arbeiten‹, aber ich habe gute Gründe, das nicht zu tun. Die werde ich dir jetzt nicht aufzählen, und du willst sie auch nicht hören – auch wenn du ein guter, mitleidiger Mensch bist, ein Herz hast, sonst wärst du ja gar nicht gekommen. Wenn du wüsstest, wie allein ich mich fühle! Seit Giacomos Tod sitze ich hier zwischen den Bergen, alles, alles erinnert mich an ihn. Und ich kann nicht weg.«

»Warum nicht?«, fragte Mattea, obwohl sie sich das an zwei Fingern selber zusammenrechnen konnte: Der Notfonds der Gemeinde hatte einen Großteil ihrer Schulden getilgt, jetzt konnte sie nicht einfach alles verkaufen und weggehen. Und tatsächlich sagte Julia:

»Wegen der Gemeinde! Sie hat die Schulden für das Haus bezahlt und mich damit hier eingesperrt! Jetzt sitze ich an diesem Fleck Erde, wo sich Fuchs und Has’ gute Nacht sagen und kann nicht mehr weg! Ich sitze in der Falle – mit einem Berg Schulden! Mit jemandem, den man liebt, hier zu leben, das geht, und das ist auch gut. Oh, ich beneide dich! Dich und Peter, du bist es gewohnt, hier zu leben, hast dich eingerichtet und hast einen Mann! Aber ohne Mann? Giacomo hat doch immer alles Geschäftliche erledigt, ich kann das einfach nicht!«

Mattea dachte an ihre erste Zeit im neuen Haus – sie hatte sich allein gefühlt, denn Peter war untertags bei der Arbeit, und sie hatte keine Ahnung von der Buchführung und gleich Gäste im Haus. Wie das damals alles gegangen war – daran konnte sie sich nicht mehr gut erinnern. Nur an die Übelkeit, als sie im Auto saß und zu ihrem Kurs fuhr, denn sie war damals schwanger. »Nun ja«, sagte Mattea, »das wird sich alles richten. Wenn man ein Ziel hat, ist alles …«

»Ein Ziel? Was denn für eins? Mein Ziel ist es im Moment, nicht zu verzweifeln, nicht unterzugehen! Ich wäre gerne glücklich, aber wie denn! Die Liebe meines Lebens, mein einziger, sanfter, lieber Giacomo ist von mir gegangen, tot und begraben, kommt nie wieder zurück! Wie soll ich da leben!«

Ihr Blick fiel aus dem Fenster.

»Was ist das eigentlich für ein Berg?«, fragte sie Mattea.

Inzwischen war es dämmrig geworden, und die Venus als erster Stern stand noch tief, tief am Himmel, aber sie leuchtete hell.

Mattea seufzte auf und sagte: »Das ist die Ballunspitze.« Dann schloss sie das Fenster, zog sich die Hausschuhe an und ging, ohne ein Wort des Abschieds.