BUTZ UND SUDL. EINE PAZNAUNER GESPENSTERKUNDE

In den Hütten des Paznaun sind dem alten Volksglauben gemäß immer auch ungebetene Gäste anwesend. Es sind die Hüttengespenster  – oder wie der Galtürer Chronist Dr. Walter Köck sie nennt – Butz und Sudel. Hier kommt seine Geschichte.

Butze sind Menschengeister, denen nach dem Absterben der irdischen, körperlichen Hülle nicht alsbald der Übergang ins Reich der ewigen Freude oder in jenes der ewigen Qual zu Teil wurde, sondern die vielmehr büßend und gepeinigt umgehen, geistern, spuken müssen, und welche die hochdeutsche Sprache Gespenster, die tirolerische Bezeichnung aber Butze nennt.

Die volksmündlichen Berichte über die Butze gestalten sich zu einer förmlichen Gespensterlehre.

In den Strafen zeigt sich die Phantasie des Volke, die erdichtet und aussinnt, höchst erfinderisch, unerschöpflich und meist sehr grausam, dennoch aber nicht ohne ethische Anschauung.

Eine schreckliche Schärfung ihrer Leiden tritt noch bei falschen Eidesleistern, Kirchenfrevlern, Betrügern an Witwen und Waisen, Grenzsteinversetzern und Raub- und Meuchelmördern hinzu; diese leiden nämlich auch noch die heiße oder die kalte Pein, oder auch beide Peinen zugleich.

Die Gestalt, in welcher die Butze wandern müssen, ist höchst verschieden, bald erscheinen sie leibhaftig, wie sie im Leben waren, und wandelten bald als Schatten-Tiergestalten, meist schwarz, nicht selten kopflos, oder aber feurig, und häufig auch in Tiergestalt, oft auch nur durch äußere Wahrnehmungen kund, wie anblasen, klopfen, schreien, rollen u.s.w.

Weibliche Butze führen im Paznaun den Namen „Sudl“, mit welcher Benennung noch allerlei unsaubere Nebenbegriffe verbunden sind.

Wer Treulosigkeiten auf den Almen beging, und in der so wichtigen Alpenwirtschaft sich als ungetreuer Haushalter erwies, musste diese Treulosigkeit ebenfalls als Butz am Ort seines Vergehens abbüßen, von deren Sagen ist das ganze Gebirge voll. Es gab im Paznaun keine Sennhütte, in dem nicht ein Butz sein Unwesen trieb.

Dies konnte er nur tun, wenn der Almsegen, den der Ortspfarrer jedes Jahr nach dem Auffahren spendet, nicht mehr wirkte, also wenn das Vieh im Herbst „abgefahren“ ist. In der Überzeugung, dass so ein Geist in jeder Almhütte anwesend ist, sagten die Jäger beim Betreten einer solchen: „I bitt’ um a Nachtquartier!“

(Aus: Walter Köck, Sturm über Galtür)