DAS SOFA NAMENS GÖTEBORG

Diese Geschichte ist länger als gewohnt. Sie muss auch ein ganzes Leben erzählen, das Leben eines speziellen, eigenwilligen Zeitgenossen, dessen vielleicht berühmteste Eigenschaft darin bestand, zur Unzeit nicht von seinem Sofa aufzustehen.

Es ist die Geschichte eines Lehrers, dessen Karriere in Kappl begann und 42 Jahre später am selben Ort endete, als Lehrer einer einklassigen Volkschule in Glitterberg. Heute ist die Schule, zu der hinauf man sein Auto von Kappl aus ganz schön bemühen muss, längst zu einem Wohnhaus umgewidmet. Und doch spürt man dem Platz an, dass hier eine Zeitlang etwas durchaus Besonderes zur gelebten Lebenspraxis wurde.

Oswald Perktold begann im Schuljahr 1958/59 als Lehrer im Weiler Holdernach. Damals war es eher die Regel als die Ausnahme, dass Kinder aller Schulstufen in einer Klasse unterrichtet wurden. Auch Oswald – „der Ossi“ – selbst hatte so seine ersten Sporen als Schüler verdient, beim, wie er sagt, „großartigen Anton Walter“ aus Galtür. Er war sogar ein so guter Schüler gewesen, dass ihn die geistlichen Herren in der Kirche für die Pfarrerslaufbahn auserkoren hatte, eine Idee, die erst aus seinem Leben verschwand, als der Wunsch, stattdessen Lehrer zu werden, immer stärker wurde.

Oswald Perktold und seine Frau Liz in Ossis Atelier. Rechts im Hintergrund: Das Sofa namens Göteborg

Der ersten Stelle in Holdernach folgte ein fast 25jähriges Intermezzo in Landeck, wo „der Ossi“ unter einem Direktor arbeitete, „der meine Vögel ertrug“.

Weil das muss auch einmal gesagt sein: Ein ganz normaler Lehrer war Oswald Perktold nie. Er hatte zwar Respekt vor Lehrplan und pädagogischen Grundlagen. Aber er wollte sie nach seinem Geschmack vermitteln. Und weil er selbst das Kind in sich pflegte, wusste er ziemlich genau, wie man Schulkindern den Stoff so vermittelt, dass sie anbeissen wie Fische am Haken. Er legte also seine Leinen mit Wissenswertem aus; dann wartete er auf den ersten Biss.

Als in Landeck ein neuer Direktor antrat, fühlte sich Oswald Perktold nicht mehr heimisch und kündigte seine Stelle. Dann kam ihm zu Ohren, dass in Glitterberg eine Einklassenschule öffnet, er bewarb sich um den Posten und wurde eingestellt.

Jetzt begann die Phase seines Lebens, die ihn berühmt gemacht hat.

„Denn“, sagt Oswald, „ich hatte eine Affinität zum Liegen.“

Und weil er diese Affinität besaß, beschloss er, in Hinkunft seine Schülerinnen und Schüler nicht stehend, nicht auf-und-ab-schreitend, nicht hinter-dem-Katheder-hockend, sondern liegend zu unterrichten. Deshalb bestand Oswalds erste Vorbereitung auf die neue Stelle in Glitterberg darin, mit seiner Frau ins „Polsterland“ zu fahren und dort ein Sofa mit dem schönen Namen „Göteborg“ anzuschaffen.

Er erinnert sich wie heute, als er im Laden stand, das Sofa inspizierte, den Sitz- und Liegetest anstellte und dabei dachte: „Hier werde ich ab jetzt öfter liegen…“

Die Einklassenschule am Glitterberg. Heimat des Sofas namens Göteborg

Sobald das Sofa namens „Göteborg“ nach Gitterberg transportiert war, nahm der Lehrer darauf Platz und lagerte die Füße hoch. Der Unterricht konnte beginnen, und es war ein reichlich ungewöhnlicher Unterricht.

Denn der Lehrer fand nicht, dass seine Aufgabe darin besteht, jede Frage seiner Schüler möglichst profund zu beantworten. Auf dem Grunde seines Herzens war es ihm lieber, wenn die Schüler lernen, wo sie ihre Fragen tatsächlich einreichen sollen, vor allem, wenn die Fragen komplex sind.

Zum Beispiel tauchte im Unterricht die Frage auf, wieviel Geld die Stadt Innsbruck dafür ausgibt, dass ihre Straßen beleuchtet sind. Ein Bub vom Glitterberg war abends in der Landeshauptstadt gewesen und fand, dass dort ziemlich viele Lampen leuchteten.

„Was kostet das eigentlich, Herr Lehrer?“

„Weiß ich nicht“, antwortete der Herr Lehrer. „Aber ich weiß, wo wir fragen.“

Also setzte sich die Klasse zusammen und formulierte einen Brief an den Innsbrucker Magistrat, Stichwort: „Beleuchtungskosten“.

Der Brief wurde abgeschickt, die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Freilich verstand sie niemand, weil sie in jenem Amtsdeutsch formuliert war, das jeden ungeübten Leser sofort aus der Balance bringt.

„Und jetzt?“, fragte die Klasse.

„Und jetzt“, antwortete der Ossi, „schreiben wir denen, dass sie uns so antworten sollen, dass wir sie verstehen.“

Das packte die Klasse aus Glitterberg in einen Leserbrief an den „Kurier“, der prompt veröffentlicht wurde.

Die neuerliche Antwort ließ nicht lang auf sich warten. Sie kam aber nicht vom Magistrat, sondern vom damaligen Innsbrucker Bürgermeister Herwig van Staa.

„Ja“, schrieb er, „Ihr habt recht. Kommt mich besuchen, dann klären wir die Sache.“

Die Klasse aus Glitterberg rüstete sich also für den Besuch beim Bürgermeister, was naturgemäß äußerst spannend war und nur einen kleinen Nachteil hatte: Der Lehrer musste vom Sofa namens Göteborg aufstehen und sich die Straßenschuhe anziehen.

Die Kinder räumten dem Bürgermeister dann das halbe Büro aus. Der Bürgermeister rettete sich und die ganze Klasse, indem er sie im „Weißen Kreuz“ zum Mittagessen einlud. Dann durften alle gemeinsam unter dem Goldenen Dachl stehen, wo sonst niemand hindarf.

Und ganz nebenbei wurde ganz genau auseinandergesetzt, was denn die Innsbrucker Straßenbeleuchtung tatsächlich kostet.

Oswald Perktold, der seinen aktuellen Beruf mit „Laudator“ angibt und in Pettneu ein fruchtbares Künstlerleben führt, blieb acht Jahre in Glitterberg. Er lag viel, gewiss, auf dem Sofa namens Göteborg. Aber er spazierte auch viel mit der Klasse, in den nahen Wald, auf die fetten Bergwiesen, zum Bach.

„Man kann ja überall unterrichten“, sagt Oswald. Und weil die Gruppe so übersichtlich war, manchmal fünf, manchmal auch nur drei Schüler, brachte er denen nicht nur Schreiben, Rechnen und das Verfassen von Leserbriefen bei, sondern auch, wie man kocht, abwäscht und sein Arbeitszeug in Schuss hält.

Natürlich blieb der Lehrer, der vorzugsweise im Liegen unterrichtete, nicht unbemerkt. Der Landesschulinspektor sagte sich an, fuhr mit schwarzem Auto am Glitterberg vor, nahm am Sofa namens Göteborg Platz und packte aus: „Es sind Beschwerden eingegangen. Es heißt, die Behörde schläft…“

Hahaha.

Oswald überstand die Inspektion lächelnd. Längst war er über den Glitterberg hinaus bekannt. Der „Kurier“ druckte seine Kolumne „Briefe vom Glitterberg“, in der er über Wissenswertes aus der kleinen Gemeinschaft am Berg berichtete und seine Vorstellungen davon, wie junge Menschen am besten aufwachsen sollen, aufschrieb.

Oswald Perktold blieb acht Jahre am Glitterberg. Er holte Schriftsteller wie Felix Mitterer in seine Klasse und übertrat, wie er sagt, „jeden Tag mehrere Schulgesetze“. Dann wurde die Schule mangels Nachwuchs geschlossen.

Seither steht das Sofa namens Göteborg in Oswalds Atelier und wartet darauf, seinem Meister jeden Tag von Neuem als Fundament für Inspirationen zu dienen.