DER SEILBAHN-KRIMI IM SOMMER 1962

Ein regelrechter Seilbahn-Krimi im Paznaun: Im Sommer 1962 wird mit dem Bau der Silvrettaseilbahn begonnen. Der Bauplatz ist gefunden, Tal- und Bergstation stehen. Dann wird das Seil geliefert. Das Problem: Es ist zu schwer. Viel zu schwer. Dann passiert etwas Erstaunliches.

Die Spezialisten der Seilbahn rechnen. Das Tragseil der Bahn, die im Winter der Saison 1963 eröffnet werden soll, ist 4150 Meter lang und hat einen Durchmesser von 63 Millimeter. Das ergibt ein imposantes Nettogewicht von 63.000 Kilo – 63 Tonnen.

Das Seil wurde von der „Felten&Guilleaume AG“ in Wien hergestellt. Für den Transport wird es auf eine riesige Trommel aufgerollt, die ein sechsachsiger Schwertransport ins Paznaun bringen soll. Dafür haben sich Logistikspezialisten der Gebrüder Weiss und des Schweizer Unternehmens Welti Furrer AG zusammengetan, um ein scheinbar unlösbares Problem zu lösen.



Denn die Straße von Landeck ins Paznaun ist zu eng, und der Transport ist zu schwer: Gemeinsam bringen Seil und LKW samt Anhänger knapp 90 Tonnen auf die Waage. Das wird nicht gehen.

Also entscheidet man sich für Plan B: Obwohl es heftige Bedenken gibt, wird der Transport durch das Montafon über die Bielerhöhe geschickt. Zwar ist die Straße kurvig und führt in unzähligen Windungen von Partenen über die Bielerhöhe nach Ischgl. Zwar sind einige Brücken einer Belastung von 90 Tonnen Sicherheit nicht gewachsen. Zwar lehnen es sämtliche Versicherungen ab, den Transport mit einer Polizze für mögliche Straßenschäden auszustatten.

Aber es gibt keine andere Möglichkeit, das Seil nach Ischgl zu bringen.

Was tun?

Die Ischgler entscheiden sich für: In die Hände spucken und anpacken.

Zuerst werden Straßenstücke, die zu eng für den monumentalen Schwertransport sind, erweitert. Dann werden Brücken, die das Gewicht des Tragseils nicht verlässlich tragen können, mit mächtigen Holzkonstruktionen unterfangen und gesichert.




Als schließlich am 22. und am 23. August 1962 die Seiltrommel auf der Schiene von Wien nach Bludenz geliefert wird, macht sich ein gewaltiger Tross auf den Weg. Voran fährt ein VW-Käfer mit Blaulicht, der die Straße frei macht. Dann folgt der LKW-Verbund der Speditionen. Zwei LKWs ziehen, einer schiebt. Das Seil ist auf den tiefen, sechsachsigen Hänger gepackt und wird im Schritttempo an den Ort gebracht, wo es als Grundlage der 13. Seilschwebebahn Tirols Geschichte schreiben soll.




Der gefährliche und aufwändige Transport geht gut über die Bühne. Als das Seil in Ischgl ankommt, wird gefeiert. Noch weiß niemand, welche Mühen und Rückschläge auf die Mitarbeiter der jungen Silvretta-Seilbahn warten werden.

Denn zuerst muss das Seil von zahllosen Helfern händisch auf die Idalp getragen werden – eine beispiellose Arbeitsleistung, die man getrost heroisch nennen kann. Und als alles soweit ist und sich die Seilbahn im Probebetrieb für die feierliche Eröffnung im Winter 1963 befindet – stürzt sie ab.

Die Geschichte dieses Rückschlags – und wie entschlossen die Ischgler darauf reagierten – demnächst auf Trisanna.