Der Trisanna-Moralkompass. Heute: Darf ich im Hotel im Trainingsanzug zum Abendessen gehen?

An dieser Stelle behandeln wir die großen moralischen Fragen des täglichen Skisportlerlebens. Zum Beispiel: Darf ich im Jogger zum Abendessen, wenn das Hotel um „Abendkleidung“ bittet, es aber 1) ein schöner Jogger ist und ich ihn 2) daheim eh auch jeden Abend trage?

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as genau ist das eigentlich, eine Abendkleidung? Per Definition ist es die Kleidung, die wir am Abend tragen, und das eröffnet natürlich eine gewaltige Bandbreite: Oben kann das Band-T-Shirts oder Fußballtrikots bedeuten. Unten rum ist von der Feinripp mit Eingriff bis zur Tennishose wohl alles dabei, und statistisch gesehen ist die Jogginghose  unter den Top-10-Prozent anzutreffen, sowohl was die Quantität als auch die Qualität betrifft. Und ganz ehrlich: Wer, der kein „von“ im Namen hat oder „Lagerfeld“ heißt, läuft abends zu Hause im Anzug, im Kostümchen oder im Dreiteiler rum? Wer setzt sich mit Krawatte zum Abendessen an den Küchentisch, wer knotzt auf dem Sofa und trägt dabei Budapester oder High-Heels?

Eben. Abendkleidung: Das ist ein Fall für Adidas, ein Fall fürs Gemütliche. Allerdings gilt das nur für zu Hause. Für dort, wo man niemand trifft außer den Menschen, mit denen man zusammen wohnt. Sobald aber Menschen anwesend sein könnten, die das nicht müssen, ändert sich die Sache – und das gilt vor allem auch für Hotels. Dort ist eine Abendkleidung eine ernsthafte Sache. Und das ist auch gut so. Beim Abendessen im Hotel trifft man Menschen, und auch wenn das Hotel familiär geführt ist – das Restaurant ist eine Restaurant, ein öffentlicher Ort, und das wird es auch bleiben. Man sitzt dort mit Menschen, die man zuvor vielleicht noch nie gesehen hat. Und selbst wenn man voyeuristisch veranlagt ist – man will diese Menschen so sehen, wie sie sich auch sonst in der Öffentlichkeit präsentieren. Dazu gehört angemessene Kleidung, und nicht zum Beispiel ein Muscle-Shirt. Und das gilt auch für die Trainingshose, egal wie teuer sie war. Sie ist eine Hose für zu Hause. Und nicht für die Bar.

Also: Mach es dir gemütlich, sagen Hotels immer. Lass locker. Fühl dich wie zuhause. Das stimmt schon. Aber bitte nur dort, wo du wirklich alleine oder zu zweit bist. Zu Hause. Und dort gerne auch nicht nur am Abend.