Der Trisanna Moralkompass. Heute: Soll man Drängler mit dem Schistock ausbremsen?

An dieser Stelle behandeln wir in unregelmäßigen Abständen die großen moralischen Fragen des täglichen Skisportlerlebens. Zum Beispiel: Wie gehen wir mit den Menschen um, die sich beim Lift schamlos vordrängeln?

Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt. Nein, schon klar, so dreist ist dann doch niemand in der Schlange vor dem Sessellift, aber trotzdem: Wir kennen diesen Typus Liftfahrer. Die Menschen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste von hinten heran schieben. Die Menschen, die andrücken, voller Selbstbewusstsein, die immer näher kommen, und die alles daran setzen, zu überholen. Oder noch besser: Die versuchen, die Schultern nach vorne zu bringen. Denn genau darum geht es in der Schlange beim Lift: Du musst die Schulter vorne haben.

Wer die Schulter vorne hat, der kontrolliert das Geschehen. Der kann dann nicht nur am Schnellsten in entstehende Lücken manövrieren und insgesamt entscheiden, in welche Richtung sich die Schlange bewegt. Wer die Schulter vorne hat, der hat auch die ultimative Waffe gegen die Mitbewerber im Rennen um die schnellste Linie im Köcher. Er kann dem, der knapp hinter ihm ist, den Skistock exakt zwischen die Schi stellen – und damit jede Vorwärtsbewegung unterbinden. Zufällig natürlich, rein zufällig, ist ja klar. 

Es ist ungemein effektiv. Aber ist es auch moralisch vertretbar?

Zunächst einmal ist es natürlich hochgradig ärgerlich, wenn sich jemand vordrängelt. Vordrängeln beim Lift ist ungefähr so sympathisch wie im Supermarkt als erster zu einer neuen Kasse laufen, obwohl jemand anderer „Zweite Kasse bitte!“ gerufen hat. In der Regel wollen nämlich beim Lift alle nach oben und die allerwenigsten bleiben lieber länger unten, weil es da so viel wärmer ist als oben. 

Der Drängler ist also der, der sich zu viel herausnimmt.

Trotzdem sind wir aber der Meinung, dass man ihn gewähren lassen soll. Denn den Drängler durch einen gezielten Stockeinsatz auszubremsen, das ist ebenfalls schlechter Stil. Wir sind ja nicht die Pistenpolizei. Sich über Drängler aufzuregeln ist eigentlich noch kleinlicher als selbst zu drängeln.

Aber das ist am Ende auch das Gute in Ischgl. Man muss bei einer Beförderungskapazität von 94.000 Menschen in der Stunde sowieso nie anstehen.