DIE ERSTE EMANZE DES PAZNAUN

Katharina Parth hat das Hotel Yscla gegründet und fest an den Tourismus in Ischgl geglaubt. Die Geschichte einer Geschäftsfrau, der es an Hartnäckigkeit genauso wenig gefehlt hat wie an Humor.

„Jung war er, fesch war er, und g’folgt hat er auch.“ Wenn man Katharina Parth fragte, warum sie ihren Mann Thomas geheiratet hat, kam schnell eine ziemlich pointierte Antwort. Das lag ihr im Blut. Sie galt als schlagfertig, humorvoll, aber auch ein bisschen stur. Niemand zweifelte daran, dass ihr Erfolg auf diesen Eigenschaften beruhte – und dass sie auf diese Weise zur ersten Emanze des Paznaun wurde, lang bevor man im Paznaun wusste, was eine Emanze ist.

Geboren wurde sie 1881 in Galtür als Katharina Mattle. Sie hatte acht Geschwister. Erst arbeitete Katharina im Hotel Post in Ischgl, dann ging sie als Zimmermädchen nach Meran und von dort auf den Großglockner. In der Stüdlhütte heuerte sie als Dienstmagd an, aber bald konnte sie die Hütte selbst pachten. Im Großglocknerbuch steht, dass Herr Stüdl Probleme mit den Kalser Bergführern hatte, die bis dahin als Hüttenwirte fungiert hatten, weil diese zu gerne einen über den Durst tranken.  Angeblich war ihm deshalb eine Frau als Pächterin lieber.

Bald darauf nahm Katharina Mattle noch eine zweite Hütte dazu. Zwei ihrer Schwestern – Sefa und Thresl, siehe Foto – waren ihr Angestellten und bekamen das auch zu spüren. Wenn es der Chefin einfiel, mussten ihr die Schwestern sogar die Schuhe schnüren.

Katharina Parth (ganz rechts) mit ihren beiden Schwestern Thresl (Mitte) und Sefa (links), die für sie auf der Großglockner-Hütte gearbeitet haben.

Eine Frau, die im alpinen Raum unverheiratet und selbstständig ein Unternehmen führt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur eine kleine, sondern eine große Sensation. Katharina war mehr als eine Hüttenwirtin, sie beliebte zu herrschen. Und sie hatte ein Gespür für Qualität. „Damals waren das sicher die besten Hütten Österreichs“, sagt Alfons Parth. Als Obmann des Tourismusverbands in Ischgl und mit dem Hotel Yscla führt er das Erbe seiner Großmutter heute quasi fort.

Nach einigen Jahren wollte Katharina Mattle weg vom Großglockner. Sie hatte vor, sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Erst überlegte sie, das Hotel Fluchthorn in Galtür zu kaufen, entschied sich aber dagegen. Weitere Pläne durchkreuzte die Inflation der Zwischenkriegszeit. Aufgrund der gigantischen Preissteigerungen hatte sie ihr ganzes Erspartes verloren.

Jahre später hat sie in Ischgl doch noch ihr Hotel eröffnet. Dort, wo sich heute das Hotel Yscla befindet, baute sie 1927 das erste Gästehaus der Region, in dem jedes Zimmer über fließendes und warmes Wasser verfügte. Die Entwicklung des Tourismus hatte gerade erst begonnen. Die ohnehin harten Zeiten waren in den Alpen noch härter. Katharina aber war sich ihrer Sache sicher.

Hüttenwirtin Katharina Mattle bei der Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner, ca. 1913

Obwohl sie schon auf die vierzig zuging, heiratete sie. Ihr Mann Thomas war deutlich jünger als sie, was ein weiteres Mal äußerst ungewöhnlich war. Aber Katharina Parth – wie sie jetzt hieß – hatte einen eisernen Willen und war gewohnt, sich durchzusetzen. Kolateralschäden akzeptierte sie genausowenig wie persönliche Befindlichkeiten.

„Die Nona hat nie geklagt“, erinnert sich Alfons Parth an seine Großmutter. Jemand jammerte über Kopfweh, über Bauchschmerzen? „So einen Schmerz kenne ich nicht“, sagte die Nona. So streng wie sie zu sich selbst war, war sie auch zu anderen. Ihre Hartnäckigkeit wurde aber immer von einer zünftigen Portion Humor begleitet. Alfons Parth erinnert sich: „Als wir den 90. Geburtstag der Nona feierten und es nach dem Essen Kaffee gab, sagte sie zum Pfarrer, der neben ihr saß: Gelln’s, Herr Pfarrer, Kaffee ist was für alte Weiber. Wir trinken lieber einen Rotwein.“

Bis zu ihrem Lebensende ist sie dem Geschäft verbunden geblieben. Sie hat sie ihre Rituale beibehalten und ihre Unabhängigkeit, auch was das Geld betraf: Sie bestand darauf, ihre Pension persönlich von der Post abzuholen – um sie dann in einem ausgetüftelten Schranksystem zuhause aufzubewahren. Wer wie sie eine Wirtschaftskrise erlebt hat, weiß schließlich, was es bedeuten kann, alles zu verlieren – und auch, dass die Familie über allem steht.

Als Katharina Parth 1981 starb, war die erste Emanze des Paznaun genau hundert Jahre alt.