Eine tote Gemse oder doch eine Kuh?

Das Paznaun ist eine historische Gegend, voller wilder Geschichten über clevere Menschen, vorausschauende Handlungen, gute und böse Gestalten, und meistens ist auch der Teufel nicht weit. Zumindest nicht in den Sagen. Heute schießt ein Jäger eine Gemse und bekommt dann ernste Probleme.

Ermüdet von der Jagd kam einst ein Jäger spätabends zu einer leeren Hütte. Seine Beute, eine fette Gemse, legte er auf das Dach, damit sie auch schön frisch bleibe. Er setzte sich ans Feuer, doch plötzlich hörte er von draußen eine Stimme. Sie jammerte.  „Hier liegt unsere Kuh! Ach, unsere Kuh! Sie ist tot!“ Der Jäger öffnete die Tür und herein kam eine weiß gekleidete, fürchterlich wild dreinschauende Frau. Sie schrie ihn an: „Du hast uns eine Kuh getötet! Ich will dich in Stücke zerreißen, du räuberischer Schütze.“

Der Jäger wollte sich wehren, aber das Wildfräulein hob die Hand – und sofort war der Jäger festgefroren. Er bettelte und sagte immer wieder, dass er keine Kuh geschossen habe sondern eine Gemse. Das Wildfräulein sah ihn an und sagte: „Nun, diesmal soll dir die gedrohte Strafe geschenkt sein, aber wenn du nochmals eine unserer Kühe schießt, dann wehe dir! Damit du aber unsere Kühe alsogleich erkennen magst, so komme in unsern Stall, dort kannst du sie genau sehen und auch den Platz, wo uns die Kuh abgeht.“

Das Wildfräulein nahm den Jäger also mit, immer höher stieg sie mit ihm den Berg hinauf, und irgendwann bog sie mit ihm in eine unterirdische Höhle ein. Dort waren überall Krippen und an allen hingen Gemsen. An allen bis auf einer. Dorthin deutete das Wildfräulein und sagte: „Siehst du, an jener Krippe ist ein Platz leer, hier hast du uns eine Kuh hinausgeschossen. Jetzt geh nach Hause, und tue fernerhin unsern Kühen nichts mehr zuleid.“

Der Jäger ging und verstand die Welt nicht mehr. Was hatte er da geschossen? Er durfte jedenfalls in Zukunft keine Gemsen mehr schießen. Das legte sich ihm so auf den Magen dass er bald darauf starb.