DAS SCHÖNSTE GEHEIMNIS VON ISCHGL

Wenn in Ischgl der größte Trubel herrscht, gibt es einen Ort, wo sich Ischgler mit Ischglern treffen. Er ist unauffällig und sehr speziell. Was es mit dieser schönen Überraschung auf sich hat.

Sie waren skeptisch. Als die Architekten Barbara Poberschnigg und Michael Fuchs den Wettbewerb für ein neues Kulturzentrum in Ischgl gewonnen hatten, fragten sie sich noch, welche Geister sie jetzt wohl beschwören müssten. Das Bild des Ortes, wo man nur relaxt, wenn man dazukommt, stand deutlich vor ihnen. Auch die Zahlen waren eindeutig: In der Saison kommen auf jeden Einheimischen zehn Gäste, Ischgl scheint fest in auswärtiger Hand. „Aber“, so die Architekten, „beim Blick hinter die Kulissen hat sich schnell ein außergewöhnlicher, sozialer Zusammenhalt offenbart.“

Das Kulturzentrum St. Nikolaus wurde 2013 gebaut, weil in Ischgl ein selbst für Tiroler Verhältnisse reges Vereins- und Sozialleben stattfindet, das einen Platz brauchte. Zum Beispiel besteht die Musikkapelle Ischgl aus fast hundert aktiven Mitgliedern. Ein eigenes Jugendblasorchester drängt nach. Die Landesmusikschule freut sich über rege Beteiligung, die Sängerrunde probiert ebenso regelmäßig wie der Schülerchor. Insgesamt gibt es mehr als vierzig Vereine und Verbände im Ort, denen jahrelang nur eines fehlte: ein angemessener Ort, wo man sich versammeln konnte.

Das war die Voraussetzung dafür, dem sozialen Leben in Ischgl, das bis dahin versprengt und aufgeteilt gewesen war, ein neues Zentrum zu geben. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt, den Poberschnigg und Fuchs mit ihrem außergewöhnlichen Projekt gewannen. Es entstand ein zurückgenommener Bau direkt neben der Pfarrkirche, der zum größeren Teil unterirdisch angelegt ist und den alten Widum mit dem neuen Probelokal für die Musik und dem multifunktionalen Vereinslokal verbindet.

In Gesprächen mit den Ischglern, abseits vom „Geschäft“, merkt man nämlich, dass sich im sozialen Sinn hinter dem Hoteldorf immer noch das Paznauner Dorf versteckt. „Nur haben der Hans und der Pepi und die Loisa keine Bauernschaften mehr, jetzt haben sie Hotels“, sagen die Architekten. Das Bedürfnis nach einem sozialen Leben, nach Klatsch und Tratsch, nach gemeinsamen Freizeitbeschäftigungen sei absolut gleich geblieben.

Das bestätigt auch Gemeindesekretär Christian Schmid, der auf Anfrage durch das Kulturzentrum führt – und das mit großer Kompetenz und berechtigtem Benutzerstolz tut (Schmid ist selbst Mitglied der Blasmusik und koordiniert die Nutzung der zahlreichen Räume im Neubau und im sorgfältig renovierten Widum). Das Zentrum sei, sagt er, dringend notwendig gewesen. Dass es „so etwas Schönes“ geworden sei, freue ihn deshalb persönlich, aber auch in seiner Funktion als Gemeindemitarbeiter. Die Gemeinde Ischgl hat für das Kulturzentrum über sieben Millionen Euro ausgegeben.

Christian Schmid zeigt das akustisch elaborierte Probelokal für die Musik, den Aufenthaltsraum für alle Vereine, das Arbeitszimmer des Dorfchronisten, den Pfarrsaal, das Chorprobelokal, die Räume für die Musikschule und die Sängerrunde, die Räume, wo sich Pensionisten zum Karteln oder, wenn sie wollen, auch zum Schachspielen treffen können, die Bibliothek, das Angebot an alten und neuen Büchern. Das Kulturzentrum St.Nikolaus wurde vielfach ausgezeichnet. Barbara Poberschnigg und Michael Fuchs erhielten für ihr „ziemlich extremes Bauwerk“ den „Staatspreis für Architektur“. Die Gemeinde Ischgl wurde mit dem „Bauherrenpreis“ ausgezeichnet, eine Würdigung der kompetenten und mutigen Zusammenarbeit mit Architekten und Handwerkern.

Für die Architekten zählt jedoch fast noch mehr als die hochkarätigen Auszeichnungen, dass „der Kameradschaftsraum“, wie sie den Aufenthaltsraum nennen, sich in kürzester Zeit zur „Dorfstube“ entwickelt hat und fast jeden Abend ausgebucht ist: „Es ist der Mehrwert von Architektur, wenn ein Ort geschätzt oder sogar geliebt wird.“