Menschen im Paznaun: Gottlieb Jehle, Zitherspieler

Gottlieb Jehle ist 71 Jahre alt und wird nicht umsonst „Zither-Gottl“ genannt: Seit fast 45 Jahren tritt er mit seinem Instrument auf – im Paznaun genauso wie am Arlberg, in der Schweiz, Südtirol und Deutschland. Wir haben ihn vor die Kamera gebeten. Ihr ganzes Leben wohnen Sie schon im Paznaun. Wie hat es sich über die Jahre verändert? Das Zusammenleben im Dorf ist seit meiner Kindheit gleichgeblieben, daran hat auch der Tourismus nichts verändert. Vereine, Feste, Bräuche und Traditionen sind noch immer sehr wichtig für uns hier. Einzig das Landschaftsbild, das ist anders heute.  Was meinen Sie damit?  Wenn man heute von einem Berghang zum anderen sieht, dann sieht man da zwar mehr Häuser, aber keine Bauern mehr. Bleibt der Hang unbearbeitet, schützt er uns nicht mehr vor Lawinen. Außerdem ist es schade, dass wir das alte Handwerk und die Landwirtschaft nicht mehr so pflegen wie früher. 
Sie meinten, der Zusammenhalt im Paznaun ist noch immer sehr stark, stärker als anderswo. Woran, glauben Sie, liegt das? Ich denke, das liegt an der speziellen Witterung, den Bergen. Wir brauchen uns, das sieht man immer dann, wenn ein Unglück passiert. Es ist selbstverständlich, dass man sich gegenseitig hilft. Ja, ich denke, diese harten Winter haben uns zusammengeschweißt. Ich kann mich noch erinnern, als wir in meiner Kindheit drei Wochen eingeschlossen waren, weil der der Schnee meterhoch gelegen ist. Das war normal für uns, da musste man sich eben aushalten. Wie war diese Zeit für Sie? Hatten Sie auch manchmal Angst?  Nein, ganz und gar nicht. Als Kind ist man ja unbedacht. Ich fühlte mich immer sehr behütet in unserem Haus. In der Stube sind wir zusammengesessen, die ganze Familie. Zu essen gab es immer genug und jeden morgen frische Kuhmilch, mehr brauchten wir auch nicht. Eine wunderschöne Zeit eigentlich. 
Heute sind sie der wohl berühmteste Zitherspieler aus dem Paznaun. Nicht umsonst sind sie als Zither Gottl bekannt. Wie kam es dazu?  Ich habe im Leben ja einiges gemacht. Ich war nach dem Bundesheer in einem Schlachthof, dann war ich zwei Jahre LKW-Fahrer und habe beim Bau des Arlbergtunnels mitgearbeitet. Da war ich dann eines abends in St. Anton in einem Lokal, im Rosannastüberl. Und da saß ein Zitherspieler. Der war so gut, der hat mich so fasziniert, dass ich das auch können wollte. Und dann habe ich jeden Tag geübt. Jeden Tag. Meine Frau war oft kurz davor, die Zither aus dem Fenster zu werfen, aber ich wollte das unbedingt. Wie ging es dann weiter? Als ich einmal einen Auftritt bei einem 5-Uhr-Tee in Zürs hatte, sprach mich ein Hotelier an. Ich solle in seinem Hotel spielen, einmal die Woche. Und dann ging das so weiter. Ich bekam immer mehr Aufträge, bis ich eben der Zither Gottl war. Ich habe überall gespielt, in Südtirol genauso wie in der Schweiz und in Deutschand. Damals hatte ich aber auch Glück, das Zitherspielen war sehr modern und die Hotels haben dringend nach Spielern gesucht. Manchmal hatte ich mehrere Auftritte an einem Tag.  Und nebenbei haben Sie noch eine Bienenzucht und einen Hof unterhalten. Das klingt nach viel Arbeit.  Ich hatte viel zu tun, ja. Aber ich habe das Glück, in meinem Leben nur Dinge gemacht zu haben, die mir auch wirklich gefielen. Die Musik einerseits, die mich mit den Menschen verband, die Aufmerksamkeit bei einem Auftritt. Und dann die Arbeit mit den Tieren auf der anderen Seite. Das bringt einen dann wieder zurück auf den Boden. Wenn ich bei den Büffeln oder Bienen bin, fühle ich mich mit meiner Umgebung und der Natur verbunden. Über die Jahre konnte ich sogar eine Beziehung mit ihnen aufbauen. Wie kann man sich das vorstellen?  Die Büffel zum Beispiel folgen mir auf Schritt und Tritt. Und auch wenn man es nicht glauben mag, auch die Bienen fliegen mir im Sommer, wenn ich die Bienenstöcke öffne, nach. Jeder meine Büffel hat einen Charakter, eigentlich wie wir Menschen. Deshalb fällt es mir umso schwerer, sie zu schlachten. 
Das ist übrigens eine sehr schöne Zither, auf der Sie da spielen.  Schon, oder? Das ist eine Meinel, das ist so was wie eine Stradivari, nur halt eine Zither. Dieses Modell, das ich da spiele, gibt es schon seit 30, 40 Jahren nicht mehr zu kaufen. Die besten Zitherbauer waren übrigens in der DDR daheim, in Klingenthal, dort haben sie ganz altes Holz genau für den Zitherbau eingelagert gehabt.  Und wie kamen Sie zu Ihrer Zither? Das ist eine lustige Geschichte. Ich hab vor vielen Jahren mal in der Schweiz gespielt, in Engelberg, drei Tage lang. Und am letzten Tag kam eine alte Frau zu mir und sagte: „Ich hab sie spielen gehört, ich hätte eine sehr schöne Zither von Meinel, ich würde sie ihnen um einen kleinen Betrag geben. Denn von meinen Verwandten spielt keiner damit, und die würden das Instrument nur auf den Sperrmüll werfen. Das will ich nicht.“ Ich bin sofort zu ihr gefahren und habe ohne zu zögern das Instrument gekauft. Und seitdem gebe ich sie nicht mehr weg.