MENSCHEN IM PAZNAUN: JENNY ZAUSER, KÜNSTLERIN

Jenny Zauser ist 34, freischaffende Künstlerin, und hat sich auf Restauration und das Kunsthandwerk „Vergolden“ spezialisiert. Eigentlich, sagt sie, hätte es sie auch in die weite Welt ziehen können. Aber es kam dann doch anders. Trisanna trifft sie in der von ihr restaurierten Rotweg Kapelle in Kappl.

Fotos: Niko Havranek

Jenny, du lebst jetzt wieder in dem Haus, in dem du aufgewachsen bist. Überrascht dich das?

Ein bisschen vielleicht. Ich war in Indien und Südamerika, das hat mir beides sehr gut gefallen. Es gibt nämlich in den ländlichen Gegenden ganz viel, das ähnlich läuft wie bei uns hier. Der Unterschied ist, dass es eine kleine Zeitreise ist. In Indien, zum Beispiel, arbeiten sie am Berg etwa so, wie bei uns vor 60, 70 Jahren.

Trotzdem ist es Kappl geworden.

Weil Heimat etwas ganz Besonderes ist. Für mich bedeutet Heimat Familie, die Berge, für mich bedeutet Heimat das Zusammensein mit den Menschen hier im Tal. Der Beweis, dass es bei uns wirklich lebenswert ist, ist mein Mann: Er kommt aus Südtirol, wollte aber unbedingt hier her nach Kappl ziehen. Und ja, auch mein Herz schlägt für hier. Ich habe tief in mich hineingehorcht und mich dann entschieden, dazubleiben. Jetzt haben wir das Haus meiner Eltern übernommen, und ich bin mir sicher, dass es für uns und unsere beiden Buben (Drei Jahre und sieben Monate, Anm.) genau die richtige Entscheidung war.

Was macht das Leben im Paznaun so besonders?

Es sind ganz einfache Dinge: Ich gehe aus dem Haus und bin in der Natur. Ich weiß nicht, wie ich es genau beschreiben soll, aber Tirol hat so eine Lieblichkeit, die ich noch nirgends anders erlebt habe.

Das sehen auch die Touristen so – bei euch ist ja immer eine Menge los.

Das stimmt, ich finde es toll, was wir hier gemeinsam geschafft haben. Aber ich sage auch gerne: Der Tourismus ist nicht alles. Auch bei uns gibt es eine Zwischensaison, und auch da sieht man, wie schön das Paznaun ist.

Die meisten Menschen im Tal arbeiten im Tourismus. Wieso bist du Restauratorin geworden?

Auch ich habe eine Zeit lang zum Beispiel als Skilehrerin gearbeitet. Aber um ehrlich zu sein, wusste ich nicht so ganz, was ich wirklich machen möchte. Deswegen habe mich einfach bei der Schnitzschule angemeldet. Es hat dann nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass es das Künstlerische ist, das mich glücklich und zufrieden macht.

Du hast dich dann auf das Vergolden spezialisiert. 

Das hat mich von Anfang an fasziniert. Gemeinsam mit anderen habe ich die Kirchen in Kappl und in See restauriert, das war ein ganz tolles Erlebnis.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man das Alte wieder neu erstrahlen lässt?

Man versteht dann erst, wie wertvoll zum Beispiel eine Altarplatte ist. Und ich spreche da nicht von dem finanziellen Wert, sondern davon, wie wichtig solche Dinge den Menschen früher waren und auch heute noch sind. Ich genieße es sehr, mit meiner Arbeit etwas Altes erhalten zu können. Auch, damit die Erinnerung an Früher weiterleben kann.

Ist für dich das Alte tendenziell besser als das Neue?

Ich bin ein sehr offener und spiritueller Mensch. Tradition und Kultur sind wichtig, aber wenn sie schaden, sollte man etwas ändern. Es gibt, finde ich, den geradlinigen Weg, das ist eher der alte – aber es gibt auch andere. Also: Jein. Es gibt Altes, das wir erhalten müssen. Aber wir brauchen auch Platz für das Neue.