MENSCHEN IM PAZNAUN: INGRID LADNER, DIE RUHE IN PERSON

Ingrid Ladner ist 49 Jahre alt. Sie stammt aus See und lebt immer noch dort. Seit 27 Jahren arbeitet sie für den Tourismusverband Paznaun. Sie ist Berg- und Wanderführerin, Kräuterpädagogin, bietet Programme für Kinder und Jugendliche an. Im Winter ist sie für den Skikindergarten auf 1.800 Metern Seehöhe verantwortlich. Sie nennt das „die schönste Arbeit der Welt“.

Fotos: Philipp Horak

Was ist für dich das Paznaun?
Heimat, Jugend, Geborgenheit. Schau mal das Tal an, schau aus dem Fenster raus. Da fühlst du dich einfach eingebettet, einfach geborgen. Die Berge strahlen Ruhe aus.

Wie fühlt sich Fremde für dich an?
Eine Zeitlang gut, aber nicht so angenehm wie zuhause. Ich möchte in der Fremde etwas erkunden, so wie ich zuhause in die Berge gehe. Einfach am Meer liegen, das gibt mir nichts.


Was willst du den Gästen vermitteln, mit denen du zu tun hast?

Meine Heimat. Ich will ihnen vermittelt, wie man hier lebt, was man hier alles machen kann. Und wenn ich mit ihnen eine Wanderung mache, dann lebe ich das ja. Ich glaube, so kommt das auch rüber. Ich möchte, dass die Gäste nach einer Wanderung mit mir sagen: Jetzt bin ich zufrieden. Das war schön. Da komm ich wieder her.

Kannst du dir vorstellen, dich gar nicht zu bewegen?
Ich bin keine Extremsportlerin, aber ich bin in den Bergen. Ich bin eine Genusssportlerin. Das ist ein Riesenunterschied. Heute ist der Gipfel nicht notwendigerweise das Ziel, sondern der genussvolle Weg. So sind alle zufriedener, als wenn ich sie auf 3.000 Meter raufziehe, und dann sind sie oben und können gar nichts mehr wahrnehmen, weil sie so kaputt sind.


Was hat sich in den vergangenen 27 Jahren noch geändert?

Sehr vieles. Deshalb ist es mir so wichtig, den Leuten zu vermitteln, dass sie hier zur Ruhe kommen können. Ich sage immer: Wir haben Urlaub. Wir haben keinen Stress. Früher sind die Gäste für sieben Tage gekommen, da hat es nicht so eine große Rolle gespielt, wenn einen Tag lang schlechtes Wetter war. Jetzt kommen sie oft nur für ein langes Wochenende. Man kann das ganze Paznaun aber nicht in vier Tagen sehen.

Wie kommen sie runter?
Sie kommen runter, weil ich selbst ruhig bin. Ich strahle keinen Stress aus, und ich drängle auch nie. Heute waren wir zum Beispiel im Jamtal, da gibt es keinen Handyempfang. Das hilft auch.


Was ist das schönste Kompliment, das man dir machen kann?

Das war ein schöner Tag. Danke für den wunderschönen Tag.

Und abgesehen von den Gästen?
Ich find’s schon allein schön, wenn ich durch den Ort gehe, und man grüßt mich und fragt, wie es mir geht. Da fühl ich mich schon wohl. Da brauch ich gar kein Kompliment mehr.

Sind Kinder eigentlich anspruchsvollere Gäste?
Nein, Kinder sind die einfachsten Gäste. Sie sind leicht zu begeistern. Kompliziert sind die Eltern. Von 30 bis 50, das ist das komplizierte Alter, da sind die Ansprüche so groß.


Stehen zu große Ansprüche manchmal im Weg, wenn man auf den Berg geht?

Wenn man auf den Berg geht, muss man vorausschauend gehen. Wenn wir in der Gruppe gehen, gibt es eine Gruppendynamik, die man genauso mitdenken muss wie die Wetterverhältnisse. Am Berg kann man viel lernen.

Und weit sehen?
Nicht nur weit. Ich sage meinen Gästen immer: So, und jetzt macht’s mal die Augen auf. Jetzt schauen wir uns mal diese Wiese an. Was wächst da? Was kann man damit machen? Das wahrzunehmen, das können gar nicht so viele.

Was ist für dich die schönste Zeit im Jahr?
Ich mag jeden Monat, aber besonders den November. Das versteht nicht jeder, aber bei uns gibt es im November keinen Nebel, sondern eine unglaubliche Farbenvielfalt. Das muss man sehen, so wie die Pflanzen im Sommer.


Hast du eine Lieblingspflanze?

Lange war es die Schafgarbe, jetzt ist es die Brennnessel. Ich kann die Samen, die Blätter und die Wurzeln verwenden. Diese Pflanze hat eine unglaubliche Kraft. Sie riecht so gut, für Marienkäfer und Schmetterlinge ist sie Lebensraum. Was für eine tolle Pflanze! Die Kinder merken sich das übrigens, die saugen so etwas auf.

Auch, weil die Brennnessel ganz schön weh tut?
Sicher auch, aber viele Kinder sind einfach interessierter. Die Erwachsenen merken sich vielleicht ein, zwei Sachen und sagen gern: Schade, dass ich nichts zum Schreiben mit habe. Den Kindern bleibt viel mehr.


Was ist typisch Paznaun für dich?

Zusammenhalt, gerade in schwierigen Zeiten.

Das Leben in den Alpen prägt also die Menschen, die hier leben?
Sicher, ja. Die Paznauner sind sehr ehrgeizig, sie wollen etwas schaffen. Aber wenn es darauf ankommt, ist hier ein unfassbarer Zusammenhalt. Die Natur ist stärker als wir. Das haben wir hier gelernt.