WARUM WIR DIE ALPEN SO LIEBEN

Alpen-Landschaft-Galtür

Über Jahrhunderte war das Leben in den Alpen äusserst rau und schwierig. Dennoch sind die Berge mit ihren eindrucksvollen, zerklüfteten Silhouetten für viele Menschen zum Sehnsuchtsort geworden. Was ist passiert? Warum finden wir heute schön, wovor wir uns gestern gefürchtet haben?

Wer an die Alpen denkt, denkt vielleicht an idyllische Gipfel, an schneebedeckte Hänge, an die blaue Stunde und die surreale Stimmung, die dieses spezielle Licht hervorbringt. Wer an die Alpen denkt, denkt an saftig grüne Wiesen, an kaltes, mineralisch schmeckendes Wasser, an glückliche Kühe und vielleicht sogar an eine sehr vergnügte Heidi, die mit ihrem Freund Peter um eine Holzhütte tollt.

Dieses Bild, das wir von den Alpen haben, ist aber relativ neu. Der Alpen-Forscher Werner Bätzig macht den Zeitpunkt, an dem es zu entstehen begann, mit 1760 fest, dem Beginn der Industriellen Revolution. Zuvor seien die weithin sichtbaren Alpen eine Projektionsfläche der Städter gewesen. Die Römer etwa sprachen von ihnen als „montes horribiles“, von „furchtbaren Bergen“, in denen man nicht leben könne. Zu unberechenbar und angsteinflößend sei die Natur.

Mit der Industrialisierung aber wurden die Berge zum Sehnsuchtsort, zur heilen Welt mit guter Luft, hohem Erholungswert und einem großen Maß an persönlicher Freiheit. Ihre Erhabenheit wurde in Gedichten gepriesen und in Liedern besungen. Die schön-schrecklichen Stimmungen, die sie je nach Tageszeit ausstrahlen, beeindrucken auf Bildern bis heute. Die Naturwissenschaften, die immer mehr das Gefühl vermitteln, der Mensch habe die Natur im Griff, nehmen laut Bätzing den ersten Städtern damals die Angst – der Alpentourismus könnte beginnen.

Inzwischen ist das Bild, das wir von den Alpen haben, aber deutlich vielfältiger geworden. Für viele ist das Idyll immer noch wichtig. Je nach Interesse sind es aber auch ganz andere Dinge geworden, die uns in die Berge ziehen: Mountainbike-Trails, Klettersteige, Raftingstrecken oder eben auch Skipisten. Das eine, für alle gültige Alpenbild gibt es nicht mehr. Wohl aber viele Gründe, die Menschen dazu bewegen, sie immer und immer wieder zu besuchen.