WARUM EINER IN DIE BERGE GEHT, UM ANDERE ZU RETTEN

Im Lawinenwinter 1999 fasste Othmar Zangerl einen Entschluss: Er beschließt, Bergretter zu werden. Das bedeutet Einsätze, die bis spät in die Nacht dauern und auch für ihn selbst gefährlich werden können – vor allem aber: In Not geratenen Menschen zu helfen.

Es gibt Tausende Dinge, die man tun kann, ohne dabei sein Leben zu riskieren. Warum sind Sie ausgerechnet Bergretter geworden?
Ich war immer in den Bergen, und war schon sehr jung davon überzeugt, dass die Bergrettung eine gute Sache ist. Da ich als Maschinenschlosser lange auf Montage unterwegs war, fing ich erst relativ spät damit an. Im Lawinenwinter 1999 haben wir hier in See gemerkt, dass es gut wäre, nicht von der Bergrettung in Kappl abhängig zu sein. Die ist zwar nicht weit weg, aber wenn die Straße gesperrt ist, kann sie uns einfach nicht helfen. Also haben wir aus See zuerst mit den Bergrettern aus Kappl kooperiert, damit wir alle Ausbildungen bekommen. Dann haben wir unsere eigene Ortsgruppe gegründet.

Sie wollten also helfen, wenn Hilfe wirklich schnell vor Ort gebraucht wird?
Ich wollte helfen können, wenn jemand am Berg in Not gerät. Wie schnell das manchmal geht, weiß man, wenn man selbst viel am Berg unterwegs ist. Als Bergretter musst du die Berge lieben, du musst bereit sein, in diese Berge auch in der Nacht und bei wirklich jeder Witterung zu gehen und deine Seiltechnik muss perfekt sein. Du musst dich selbst, deinen Partner und die zu bergenden Personen perfekt sichern können. Es bleibt dir nichts anderes übrig: Du musst ein Idealist sein.

Und fit und ohne Furcht?
Körperliche Fitness ist natürlich eine Voraussetzung. Wir sind ja oft lange unterwegs und nicht selten leider dann, wenn es bereits dunkel ist und sehr kalt. Bei unserem ersten Einsatz als Ortsgruppe kam der Notruf um 20.30. Es war Ende Oktober und schon schweinekalt. Bis wir die Vermissten gefunden hatten, war es zwei Uhr in der Früh. Aber wir waren wahnsinnig stolz, dass wir helfen konnten.

Wie vielen Leuten könnt und müsst ihr in einem Jahr helfen?
Heuer hatten wir fünf Einsätze. Darunter war leider auch der schwierigste, den wir bisher bewältigen mussten. Zwei Einheimische waren mit dem Auto von einem Almweg abgekommen und abgestürzt. Der Ältere wurde schwerstens verletzt, der 16jährige konnte leider nur mehr tot geborgen werden.

Wussten die Bergungsteams bereits, dass es einen Toten gibt, als sie losgingen?
Nein, wir gehen eigentlich immer in der Erwartung los, dass wir helfen können. Bei den anderen Einsätzen war das zum Glück auch der Fall. Nach diesem schweren Einsatz haben wir professionelle Hilfe gebraucht, wir hatten ein Kriseninterventionsteam da. Es ist einfach etwas anderes, wenn man den Menschen, der tödlich verunglückt, schon lange kennt. Wir sind ein kleines Dorf, wir kennen uns hier alle.

Wie läuft so ein Einsatz ungefähr ab? Wo fangt ihr an zu suchen?
Bei unserem jüngsten Einsatz kam der Notruf um kurz nach 22 Uhr. Zwei Personen galten als vermisst. Alles, was wir wussten, war, dass sie um 9.30 mit der Seilbahn hochgefahren sind. Ihr Ziel war niemandem bekannt. Wir setzen dann Teams zusammen, die aus mindestens zwei Personen bestehen. Auch zwei Hunde haben wir in der Ortsgruppe. Dann fahren wir zunächst alle befahrbaren Wege ab und schauen, ob jemand unterwegs ist oder ob wir Spuren finden. Im nächsten Schritt gehen wir Wanderwege und andere Fußwege ab. Parallel dazu telefonieren wir Hüttenwirte und andere Menschen durch, die die Vermissten im Laufe des Tages gesehen haben könnten.

Wie koordiniert ihr euch dabei?
Wir sind über Handys und über Funk miteinander verbunden. Neue Technologien sind für uns übrigens eine großartige Sachen. Wir verfügen über ein GPS-System, das auch getrackt wird. Das heißt, wir können voneinander nachvollziehen, wo wir bereits unterwegs waren und gesucht haben. Das ist enorm hilfreich. Wir sind ja auf uns gestellt, denn da wir vor allem nachts und bei schlechter Witterung unterwegs sind, können wir nicht auf einen Hubschraubereinsatz setzen.

Waren Sie bei einem Einsatz auch schon selbst in Gefahr?
Wir hatten einen sehr schwierigen Einsatz bei Lawinenwarnstufe 5. Das ist die höchste Warnstufe. Wir mussten zwei Jugendliche finden, die in einer Talrinne gefangen waren. Da mussten wir aufgrund der akuten Lawinengefahr noch vorsichtiger vorgehen als sonst. Und das nachts. Zum Glück ging das gut aus.

Warum sind Sie eigentlich immer nachts unterwegs?
Weil viele Menschen den Notruf erst extrem spät absetzen oder eben vermisst werden, man aber noch zuwarten will, weil sich das Problem vielleicht noch von selbst lösen könnte. In Not geraten Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen: Manchmal ist einfach der Handyakku leer, und dadurch ist die Route weg, der sie via App gefolgt sind. Dann stehen sie am Berg und wissen nicht, wo sie sind.

Das passiert wirklich?
Leider, ja, wir verlassen uns zu oft auf diese Dinger, so hilfreich sie auch bei unserer Arbeit als Bergretter sind.

Wie wird man eigentlich Bergretter?
Man meldet sich bei der örtlichen Bergrettung, arbeitet mit und kann dann verschiedene Prüfungen und Kurse machen, die man bestehen muss. Das ist relativ aufwendig, denn die Ausbildung ist natürlich sehr wichtig, wenn man anderen in Extremsituationen helfen will und sich selbst dabei nicht in Gefahr bringen will. Wir nehmen das in der Ortsgruppe sehr ernst, wir haben zum Beispiel auch Teams, die eine Seilbahnbergung durchführen können.

Diese Teams holen uns dann vom Sessellift, wenn nichts mehr geht?
Ja, sie wissen, wie man auf eine Stütze steigt, sich mit einem Gerät oben am Seil einhängt und so Stück für Stück in Richtung der Menschen kommt, die man bergen will. Wir haben jeden ersten Montag im Monat eine Übung für die gesamte Ortsgruppe. Ab und zu machen wir mit unsererNachbar-Ortsstelle Lawinenübungen und ähnliches. Und wir machen an den Wochenenden auch Seilbahndienst bei den Bergbahnen.

Um auch da noch zu helfen?
Ja, und um beim Helfen besser zu werden. Um mit Verletzten umgehen zu können, ist es gut, öfter mit Verletzten zu tun zu haben. Das braucht Erfahrung. Übrigens braucht auch der Berg Erfahrung, und weil das viele Menschen nicht wahrhaben wollen, geschehen immer wieder Unfälle. Wer sich in den Bergen nicht gut auskennt, wer mit alpinen Techniken nicht vertraut ist, eine schlechte Ausrüstung hat und sich dann auch noch selbst überschätzt, ist am Berg einfach in Gefahr. Es wäre gut, wenn sich Menschen, die in den Bergen unterwegs sind, wirklich gut informieren und im Zweifel lieber einen Guide mitnehmen. Das gilt für den Sommer, genauso wie für den Winter.

Othmar Zangerl ist 59, stammt aus See, wo er auch heute noch lebt, arbeitet für den Tourismusverband Ischgl-Paznaun und ist seit 2000 bei der Bergrettung.