WARUM HEISST DAS FLUCHTHORN EIGENTLICH FLUCHTHORN?

Ein großartiges Bergmassiv in der östlichen Silvretta. Ein berühmter Name. Ein spannendes Stück Alpingeschichte. Portät eines Bergs und seines Namens.

Zuerst die unbestrittenen Fakten: Das Fluchthorn ist ein Bergmassiv, das zur östlichen Silvretta gehört. Es ist 3399 Meter hoch und befindet sich exakt an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz. Das Massiv hat drei Gipfel, das Nördliche, das Mittlere und das Südliche Fluchthorn.

Warum aber heißt das Fluchthorn eigentlich, wie es heißt? Auf Landkarten des frühen 19. Jahrhunderts steht an der Stelle des heutigen Fluchthorns noch „Wälsche B.“ Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand diese Bezeichnung und wurde durch „Grenzgipfel“ ersetzt.

Das erfolgte dem Vernehmen nach auf Vorschlag des Schweizer Topographen Johann Wilhelm Fortunat Coaz. Coaz war maßgeblich an der Erstellung der „Dufourkarte“ beteiligt, der in den Jahren 1845 bis 1864 herausgegebenen topographischen Karte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Dufourkarte stellte die gesamte Schweiz im Maßstab 1:100.000 dar und gilt als erste „amtliche Kartenwerk“ der Schweiz.

Im Rahmen seiner Erstbesteigung verwies der Alpinpionier Johann Jakob Weilenmann noch darauf, dass sein Ziel als „Gränzgipfel“ in der Karte stehe. Sein Begleiter Franz Pöll, der Bergführer, der im Lareintal Schafe hütete und als Kaiserjäger dem Wild in die Höhe nachstieg, nannte das Massiv „Breitkopf“ – aus seiner gewohnten Perspektive sah das Massiv tatsächlich einem breiten Kopf ähnlich.

Johann Jakob Weilenmann, weitgereister Mitbegründer des Schweizer Alpenclubs, notierte in seinen Aufzeichnungen ein paar aufschlußreiche Details über den Berg und den Namen „Fluchthorn“, der in den neuesten Ausgaben der Karten aufgetaucht war.

„Der Schweiz allein gehört das Fluchthorn zwar nicht“, schrieb Weilenmann, „sie teilt sich mit Tirol in seine himmelhohen Schrofen, in seine geborstenen Zacken. Damit keiner der Beteiligten zu kurz komme, ist über seinen zerrissenen Kamm die Grenzlinie und so jedem genau die Hälfte des kostbaren Terrains zugemessen worden – der Schweiz die östliche, ihrem Nachbar die westliche Flanke.“

Dann fragte sich Weilenmann, wo sich denn das „Fluchthorn“,„der mysteriöse Unbekannte“ eigentlich befinde. Er schloß messerscharf, dass der Berg, den er zu besteigen gedachte, nur wenigen unter diesem Namen bekannt sei: „Die einen nennen ihn Gränzspitz, die anderen deuten ihn gar nicht.“

Weilenmann erklärt den „mysteriösen“ Namen „Fluchthorn“, um ihn augenblicklich in Frage zu stellen. „Der Name“, schreibt er, „kommt eigentlich nicht speziell [diesem Berg] zu. Jede Höhe, welche der gejagten Gemse Zuflucht bietet, wird in jener Gegend vom Jäger Fluchtspitze geheißen. Als Bezeichnung der Gebirgsform ist dort, wie auch weiter ostwärts, das Wort Horn nicht gebräuchlich.“

Mit der „Flucht“ ist also jene des Wildtiers vor dem Jäger gemeint. Und das „Horn“ ist eine Bezeichnung, die in eine neuere Generation der topographischen Karte gerutscht ist.

Dafür widmete Weilenmann seinem Ziel einen besonders dramatischen Abschnitt an Bergsteigerprosa: „Dort nun, im Hintergrunde dieser drei Täler, von ewigem Winter umstarrt, in dieser Abgeschiedenheit, die nur Bär und Gemse beleben, deren Totenstille nur das Krachen der Lawine, das Heulen der Windsbraut um die verwitternden Zacken, das seltene Knallen der Büchse unterbricht, thront schreckhaft zerrissen die Felsengestalt des Fluchthorns. (…) Es selbst entsteigt einem mächtigen, rings von Firn und Gletscher umlagerten Kamme, der am Gebirgszuge wurzelt, welcher Paznaun vom Unterengadin scheidet…“

Am 12. Juli 1861 gelang Weilenmann und Pöll die Erstbesteigung des Fluchthorns. Damit war die Aufmerksamkeit auf den Berg gelenkt: Der Name „Fluchthorn“ glänzte im Licht der Leistung der Alpinisten.