Wie macht man eine Piste Lawinensicher?

Lange, bevor die ersten Skifahrer auf den Berg dürfen, beginnt der Arbeitstag von Serafin Siegele und den Leuten von der Lawinenkommission. Gerade an Tagen wie heute ist das ganz besonders wichtig

Um halb fünf Uhr morgens schaut Serafin Siegele zum ersten Mal auf seinen Rechner. Jeden Tag. Oder zumindest jeden Tag, an dem es in der Nacht davor geschneit hat. Er kontrolliert dann die Wetterstationen in der Region, er schaut, wieviel Schnee gefallen ist, checkt, wie stark und von wo der Wind geweht hat. Manchmal telefoniert er dann mit den Kollegen vom Pistendienst, die die Nacht über am Berg verbracht haben. Und wenn er alle Informationen beisammen hat, dann entscheidet er: Muss gesprengt werden oder nicht?

Schnee in einem Skigebiet ist super. Zuviel Schnee ist aber ein Problem. Und gerade in Phasen wie diesen, in denen im Skigebiet die Lawinenwarnstufe 4 herrscht, hat das Team von Pistenchef Siegele alle Hände voll zu tun. Denn der Schnee, der die Pisten bedroht, der muss weg.

Und das geht nur mit kontrollierten Sprengungen. Und diese finden in der Früh statt. Weit vor dem regulären Pistenbetrieb, damit die losgelösten Schneebretter danach noch mit den Pistenraupen verarbeitet werden können. 

Um sechs Uhr morgens fahren Siegele und seine Mitarbeiter dann mit der ersten Gondel auf den Berg. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Lawinenkommission und den Sprengmeistern der SSAG macht er sich ein Bild und entscheidet, was zu tun ist. „Viele Lawinen, die im Tal noch kein Problem wären, sind bei uns heroben schon sehr gefährlich“, sagt Siegele. Selbst kleine Schneebretter, könnten am Berg zum Problem werden, wenn sie nämlich über einer Piste oder über einem Ziehweg liegen – und genau dann abgehen, wenn unten ein Skifahrer vorbei fährt.

Wie hält man ein Skigebiet mit 240 Kilometern gesicherter Piste wie Ischgl tatsächlich sicher?

Allein auf der Ischgler Seite gibt es insgesamt 450 definierte Sprengpunkte —wenn man bei diesen sprengt, dann lösen sich die Schneebretter und gehen kontrolliert ab. Der Schnee, der so auf der Piste landet, kann dann mit den Pistenbullys verarbeitet werden – und die Skipisten sind sicher. 

Es heißt nicht, dass jeden Tag bei Schneefall an allen Punkten gesprengt wird, sagt Siegele, aber „70 bis 100 Sprengungen sind eher der Normalfall“. 

Drei Möglichkeiten der Lawinensprengung gibt es dabei. Die wohl aufwändigste ist die sogenannte Handsprengung. Da müssen Mitarbeiter der Lawinenkommission und des Sprengkommandos mit dem Pistenbully oder mit den Tourenski zum Einsatzort kommen und die Lawine „von Hand“ sprengen. Von Hand heißt: eine Sprengfalle platzieren, mit einem Zeitzünder versehen und so die Lawine auslösen. 3,4 Kilogramm Sprengstoff wird im Regelfall bei einer sogenannten Handzündung eingesetzt. Je nach Beschaffenheit des Schnees sprengt das einen Radius von 100-120 Metern Schnee frei. 

Deutlich angenehmer ist die Sprengung vom Hubschrauber aus. Da fliegt der Helikopter über das Einsatzgebiet und aus dem Helikopter wird – ebenfalls mit Zeitzündung – ein 5 Kilogramm schwerer Sprengsatz abgeworfen. Der Vorteil: Die Anreise zum Einsatzort geht viel schneller. Und außerdem kann sich die Lawinenkommission von der Luft aus sofort ein Bild machen ob der Einsatz erfolgreich war oder ob man nochmals sprengen muss. Der Nachteil: Der Helikopter kann nur bei halbwegs guter Sicht fliegen. Bei Schneestürmen wie in diesen Tagen fällt das aus. Außerdem ist es aktuell um 6 Uhr morgens noch viel zu finster um zu fliegen.

Die dritte Möglichkeit ist die wohl bequemste und mit Sicherheit spektakulärste: Die Lawinensprengung per Fernzündung. An insgesamt 32 schwer zugänglichen Punkten im Gelände wurden bereits im Sommer Geräte installiert, mit denen man auf unterschiedliche Weise Sprengungen auslösen kann. 

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