WIE SCHÜTZT MAN DEN ORT VOR DEM SCHNEE, HERR BÜRGERMEISTER?

In den vergangenen Tagen hat es ordentlich geschneit hier im Paznaun. Auch eine Straße, nämlich die nach Galtür, wurde aus Sicherheitsgründen kurzzeitig gesperrt. Trisanna wollte wissen: Wie werden solche Entscheidungen getroffen? Antworten gibt der Bürgermeister und Obmann der Lawinenkommission von Ischgl, Werner Kurz.

Fotos: Niko Havranek

Herr Kurz, wenn es so viel schneit wie jetzt – was muss man tun, damit im Ort weiter alles gefahrlos zugeht?

Im Prinzip ist in den vergangenen Tagen für unsere Verhältnisse nicht so viel Schnee gekommen, im Osten war es deutlich mehr. Laut Messstationen waren es bei uns rund 40 Zentimeter. Wir, die Lawinenkommission, setzen uns dann zusammen und besprechen uns. Alle Wege, alle Straßen, alle gefährlichen Lawinenstriche werden dann durchgegangen – und dann gibt es Entscheidungen. Also: Was wird gesperrt, was bleibt offen.

Wer ist da dabei?

Die Kommission setzt sich aus Einheimischen, erfahrenen Bergführern und erfahrenen älteren Leuten zusammen, die das Gebiet ganz genau kennen. Das ist eine super Sache, weil wir große Erfahrungswerte haben. Die meisten von ihnen sind Skilehrer und Skiführer und viel im Gelände und am Berg unterwegs. Die schauen oben, beobachten mit dem Fernglas die Lawinenstriche und können passendes Feedback geben.

Wie lief das in den vergangenen Tagen ab?

Wenn es etwas mehr schneit, schaut man sich die Messstationen an und trifft sich. Wir haben uns immer um sieben Uhr in der Früh getroffen und uns abgesprochen, gestern noch einmal um vier Uhr am Nachmittag. Ich bin da natürlich auch immer dabei, als Bürgermeister und gleichzeitig Obmann der Lawinenkommission.

Und Sie haben entschieden, dass eine künstliche Lawinenauslösung gemacht werden soll. 

Richtig, weil wir die Möglichkeit haben, das unkompliziert durchzuführen. Die B188, die Langlaufloipe Richtung Mathon und auch der Wanderweg, da lösen wir künstlich aus bei 30 bis 40 Zentimeter Neuschnee. Das haben wir auch diesmal gemacht. Wobei man dazusagen muss, dass das nicht viele Orte so können. Es war ein Pilotprojekt, weil normalerweise macht man, um Straßen zu sichern, Lawinenverbauungen. Aber seit 2012, seitdem wir hier künstlich auslösen, mussten wir die Verbindung Ischgl-Mathon kein einziges Mal sperren.

Von einer Auslösung ist im Internet auch ein Video aufgetaucht das für Laien relativ heftig aussieht. 

Aber so wie wir gesprengt haben war das ein ganz normaler Vorgang. Es ist auch etwas runtergekommen, eine Staublawine, also nichts Gefährliches – das sieht spektakulärer aus, als es ist. Nachdem großräumig abgesperrt wurde, sind wir unten auch drinnen gestanden gemeinsam mit der Polizei, als wir per Computer die Sprengung freigegeben haben. Wir waren dann alle schneeweiß, aber es war in dem Fall nicht gefährlich.

In Gebieten wie diesen ist man auf viel Schnee sowieso immer gut vorbereitet, oder?

Natürlich. Die Problematik dieses Mal war aber nicht der Schnee. Wie gesagt, so viel war es nicht. Das Problem sind eher die Windverfrachtungen. Aber für uns ist das Routine. Die Kommission setzt sich zusammen und dann gibt es Meinungen. Und wenn einer von uns sagt, es wird gesperrt, dann wird gesperrt. Da gibt es keine Abstimmung. Wenn es Zweifel gibt, wird zugemacht.

Inwiefern spricht man sich zwischen den Gemeinden im Paznaun ab also zwischen Ischgl, Galtür, Kappl und See?

Wir haben eine Bürgermeister-App, über die alle vier Bürgermeister miteinander verbunden sind. Da tauschen wir uns aus, teilen uns mit, was wir vorhaben. Ob es Sperrungen geben soll, was in den Sitzungen der Lawinenkommissionen rausgekommen ist.

Eine letzte Frage: Als Tourist kann einen, wenn man es nicht gewöhnt ist, so viel Schnee ein bisschen beunruhigen. Grund zur Sorge?

Aus meiner Sicht war das ein wenig Panikmache, was unser Gebiet anbelangt. Gefährlich war es an anderen Orten in Österreich, aber nicht bei uns. Galtür hat nur von vorgestern auf gestern einen Teil zugemacht, weil sie nicht rauf sehen konnten. Und wenn man nicht rauf sieht, muss man eben warten, bis man wieder etwas erkennen kann. Erst dann kann man die Gegebenheit einschätzen.