DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE

Ein Mädchen aus Galtür namens Anna Maria. Ein Kind namens Joseph, das seinen Vater nicht kennt. Ein Skandal. Die Geschichte eines Künstlers, der seinen Weg trotzdem ging.

Als Joseph Walter, dessen Selbstporträt wir oben sehen, im Jahr 1856 in Baden-Würtemberg geboren wurde, befand sich seine Mutter nicht im Stand der Ehe. Das war für die damalige Zeit ein Ärgernis, mehr noch, ein Skandal. Anna Maria Walter, die aus Galtür stammte und außer Joseph noch zwei weitere uneheliche Kinder hatte, hatte es entsprechend schwer.

Portrait Wilhelmina Walter, Öl auf Leinwand, 1902
Portrait Wilhelmina Walter, Öl auf Leinwand, 1902

Wo der Bub seine Kindheit verbracht hat, ist ungeklärt. Die Jugend von Joseph Walter kann nur oberflächlich rekonstruiert werden. In der Ausstellung „Ganz oben“ im Galtürer „Alpinarium“ wird gemutmaßt, dass Mutter und Sohn, bei dem früh sein künstlerisches Talent festgestellt worden war, nach Galtür zurückkamen und Joseph hier zur Schule ging, bevor er nach München und Wien weiterzog, um an den dortigen Akademien die Malerei zu studieren.

Darm House, Öl auf Papier, ca. 1895
Darm House, Öl auf Papier, ca. 1895
Tyrolean Boy, Öl auf Leinwand, nicht datiert
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Pub Brawl, Graphit/Tinte auf Papier, 1895

Dieser Anschauung widerspricht der Heimatforscher Josef Walser aus Landeck, der sich intensiv mit der Karriere von Joseph Walter beschäftigte. Walser sieht es bloß als nachgewiesen an, dass Joseph Walter sich 1894 in Mathon aufhielt, wo er an die Außenwand der Sebastian-Kirche eine Christophorus-Figur malte.

Sicher ist, dass Walter Europa verließ und nach Amerika übersetzte. 1897 siedelte er sich in Dubuque, Iowa, an und entwickelte sich zu „einem der erfolgreichsten und bekanntesten Vertreter der Kirchenkunst im Mittleren Westen“, wie es Josef Walser formuliert. Aus mindestens sieben US-Bundesstaaten sind Originalwerke von Walter bekannt, er „dekorierte 185 katholische Kirchen in Illinois, Iowa, Wisconsin, Minnesota, Nebraska sowie in Nord- und Süddakota.“ (Josef Walser in der Tiroler Tageszeitung).

Eintrag im Pfarrbuch Galtür, 4. Juli 1865

Gleichzeitig entstanden aber viele Porträts und Landschaftsmalereien, in denen sich Joseph Walter seiner alten Heimat besann. Viele Bilder zeigen alpine Motive, Landschaften, die dem Paznaun zugeordnet werden können, auch wenn sich Experten uneins darüber sind, ob Galtür oder Ischgl dabei im Vordergrund stehen. Das Paznaun ist Sehnsuchtsort, Joseph Walter ein Mann, der seinen Traum gegen widrige Umstände lebt (er wird stolze 90 Jahre alt). Seine Geschichte erzählt vom Sprengen gesellschaftlicher Fesseln genauso wie vom Einlösen des amerikanischen Traums – auch wenn sie viel trauriger nicht hätte beginnen können.

Alpinarium Galtür
Ganz Oben, Dauerausstellung
Geöffnet: Di – So: 10.00 – 18.00 Uhr
Letzter Einlass: 17.15 Uhr
Montag Ruhetag