DIE GESCHICHTEN VON DEN LEBENDEN UND DEN TOTEN

Erzählung von Barbara Aschenwald.

Barbara Aschenwald, 33, stammt aus dem Zillertal und ist studierte Literaturwissenschaftlerin. Sie verfasst Lyrik, Prosa und Hörspiele („Manchmal fürchte ich mich vor dem Fleisch, aus dem ich gemacht bin“). Für ihren Erzählungsband „Leichten Herzens“ (2010), aus dem die vorliegende Erzählung entnommen ist, wurde Aschenwald mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet. Beim „Ort, wo ich vorher noch nie war, genau zwischen den Bergen“ handelt es − unverkennbar − um Galtür.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Skarabäus-Verlags.

 

Die Geschichten
von den Lebenden und den Toten

Die Flügel fallen vom Himmel, aber keine Worte.
Die Welt trägt unser Gewicht und ihr eigenes noch dazu.
Dieses Leben und kein nächstes.
Ich bin in einem Ort, wo ich vorher noch nie war, genau zwischen den Bergen.
Ich weiß noch nicht, wohin mit mir.
Suche mir Halt, weil ich nicht überall gleich leicht oder schwer bin. Näherkommen ist das Nächste, jetzt, wo ich schon da bin, will ich mich hineinknien in die Landschaft und doch nicht schwer sein. Man kann das ganze Gewicht dieser Welt auf einen Punkt der Erde legen, und sie bricht doch nicht zusammen. Aber hier hört man den Boden ächzen, weil die Berge so schwer zu tragen sind.
Früher hieß es hier Cultaur.
Ich habe einen Freund, der auf der ganzen Welt daheim ist, deshalb bin ich nirgendwo ganz allein.
Wir fangen da an, wo wir glauben, dass wir aufhören.
Zuerst gehe ich auf den Friedhof, da wohnen die Geister und alte Geschichten, dort liegen die Schädel hinterm Eisengitter in der Kapelle und es kribbelt in den Fingern und scheppert zwischen den Rippen beim Angreifen des kahlen Kopfes mit der warmen Hand. Christliche Erinnerung an Maria Karolina Sebner, Schotter im Kirchhof, zwei Opferlichter angezündet, eines für die Lebenden und eines für die Toten. Verkaufte Haut, trotzdem.
Darüber beugen sich die Berge und schauen zu. Alte Häuser neben neuen Häusern, die Jungen neben den Alten, zugesperrt. Auf der Post mit den Briefen nach daheim, die Zillertaler Gams, man hört, wo du herkommst.
Bisch koa Doige Madli, oder? Woll; i bin a Tirolerin.
Jo, ober halt nit va do.
Ich bin nicht von da, von wo bin ich denn? Ich weiß, woher ich komme, aber nicht, woher ich bin, wer weiß das denn schon. Ich bin von da, von wo alle her sind, geboren bin ich woanders, das stimmt.
Die Ballunspitze schaut herunter auf mich und passt auf, dass ihr dort unten nichts entgeht. Schön ist es hier, ein kleines Dorf. Im Sommer ist hier wenig los, sagt mir der Wirt, wir haben hier hauptsächlich Wintergäste, da kommen dann die Schifahrer und Snowboarder, Wanderer haben wir hier nicht so viele. Ich schaue ins Jamtal. Drei Stunden brauchst du zur Jamtalhütte, sagt mir die Wirtin. Ich habe Zeit.

Etwas bewegt sich in meinem Kopf, wenn ich hinaufschaue zum Kreuz.
Es gibt hier ein Mädchen mit einem ganzen Herz zwischen den halben Wahrheiten. Sie sagt mir, der Onkel hat sie auf seine Herde aufpassen lassen und als sie mit den Tieren herunter ist vom Berg, waren es nur mehr zwölf statt dreizehn. Sie ist suchen gegangen und hat nichts gefunden, zweimal. Der Onkel hat gemeint, die kommt schon wieder heim, seine Kalbin, aber gekommen ist sie nicht, nach zwei Tagen immer noch nicht. Da ist er selber gegangen und hat sie gefunden, abgestürzt, mit gebrochenem Bein und schon Würmern im Fleisch. Er hat sich nicht mehr zu helfen gewusst, sagt sie. Er hat das Fleischermesser geholt und ihr die Gurgel durchgeschnitten. Das hat er nicht verkraftet, sagt sie, das hat ihm so wehgetan, dass er ein lebendiges Wesen umbringen musste. Da kann man nichts machen, dann muss man sich eben überwinden. Ein richtiger Mensch mit einem ganzen Herz verschenkt den Tod, und es tut ihm so leid, dass er das tun muss. Einer, der nicht einmal mehr sagen kann, schade drum, weil dazu ist es erst zu kurz her, dass es passiert ist. Ihre Augen schwimmen, als sie davon erzählt.
Von drei bis sieben hat sie Zimmerstunde, einen Neni hier auf dem Friedhof und eine Tante, die sich als Baby nicht hat stillen lassen wollen, deswegen hat sie kein Jahr gehabt. Die Geschichten von den Lebenden gehen so.

Im Nachbarort hinter der Kapelle gibt es einen Teil vom Friedhof, wo die Selbstmörder und die Ungetauften liegen. Die einen sind christlich und Sünder, die anderen nicht und unschuldig, so liegen sie Wange an Wange und oben wachsen das Brombeergestrüpp und die Brennnesseln.
Braucht ein Unschuldiger eine Lossprechung, braucht ein kleines Kind eine Frauentaufe, weil es sonst nicht dahingehört, wo es hingegangen ist?
Wenn kein frisches Wasser da ist, tut es auch geschmolzener Schnee. Tränen nicht, da wär der Weg in den Himmel sehr weit.
Die gemalten Schädel schauen zu, wie die Engerl reihenweise aufsteigen, direkt aus den Mündern in den Himmel, die unschuldigen.
Warum müssen wir immer alles sehen, damit wir glauben können. Aus dem Gesicht rinnen Fäden und fallen Tropfen, die Hand greift durch die Wasserwand, durch die dünne Glaswand, die beim Sterben zerbricht, so allein sind wir und so wahr im Alleinsein.
Werden wir wahrhaftiger in der raueren Bergwelt, werden wir frommer, wenn wir leiden?
Und werden wir klarer im Denken, wenn wir nichts sagen?
Gelber Enzian, blauer Eisenhut, Wolken über dem Berg, das hohe Rad. Eingeklemmt zwischen Kommen und Gehen. Dazwischen wachsen Pilze und Kinder, und Frauen, die Brot backen, Frauen, die Brot gebacken haben früher einmal und vielleicht heute noch. Sie machen die weißen Betten für die Fremden, die in ihren Häusern schlafen. Die Frauen können dann daheim bleiben, sagt der Bürgermeister, und wo sonst geht das schon, das ist wahr. Verkaufen wir unsere Haut, wenn wir unsere Betten verkaufen? Schenken wir uns eine Idee vom Sein, wenn wir tun, was wir müssen?

Der Doktor sagt, es fehlt uns die Nähe, heute geht alles schnell, aber ob das gut ist. Früher haben sie mich geholt, sagt er, dann hab ich fünf Stunden gebraucht, bis ich bei der Wöchnerin war und fünf Stunden zurück. Die Leute meinen, sie hätten beim Autofahren Zeit, aber das stimmt nicht. Er hat sie auf die Welt geholt, die vielen Kinder, die heute alt sind, danach ein Stamperl Enzner oder Beerer, das tut wohl, das wärmt auf. Dann zusammensitzen am großen Stubentisch und darüber reden, wie es war, wie es gegangen ist, oft länger als einen oder zwei Tage. Das fehlt heute, das Beisammensein. Das Ritual und dass etwas seine Zeit braucht. Und er hat seinen Kindern Sachen mitgebracht von seinen Wegen, vierblättrigen Klee, Steine, Koipech, glühendes Holz und wahre Geschichten. Der Doktor weiß alles, fünfzig Jahre Berg und Tal. Bevor du von einem Oberländer ein Bussel bekommst, hast du von einem Unterländer schon ein Kind, sagt der Bürgermeister und lacht ein bisschen. Der Messner meint, wir halten zusammen hier, aber hier muss man hineinwachsen, das geht nicht von heute auf morgen.
Die Nona sagt, das Murmelöl, das macht die Bänder zu weich, wenn man es zu oft nimmt, dann springen die Gelenke aus den Pfannen. Auf der Kerze im Zimmer vom Seelsorger ist ein Bild von ihr, Nona, neunzig Jahre.
Sie ist schon fast abgebrannt.

Wenn die Leute öfters kommen, schließen die Menschen sie in ihr Herz, aber das dauert seine Zeit, das muss wachsen. Bitte frag nicht nach der Lawine, das steht uns schon bis hier, sagt eine junge Frau und deutet auf ihre Stirn. Die Sommerfrischler fragen immer, wo sie denn war, die Lawine.
Es gibt eine Mauer zwischen Berg und Tal, ob sie den Berg wohl aushält, sollte er kommen? Ich will nichts wissen von der Lawine, nur von den Menschen.
Eine Frau gibt es, die an Engel glaubt, sagt sie mir. Die ganz anders ist, sie lebt an der steilen Wand und bringt den Menschen ein Lachen von ganz innen.
Sie kennt die dunklen Flecken im Licht vom Wasser, sie weiß, dass heute Vollmond ist und es nicht mehr lange dauert, bis ein neues Weltenzeitalter beginnt und alles einen anderen Lauf nehmen wird. Sie heißt Mira, das Wunder.
In dieser uralten Gegend leben wilde Wesen, sagt sie, der Wind holt sich ihren Hauch und verfängt sie im alten Baumbart, der von den Ästen hängt. Wenn man die Zweieinhalbtausend-Meter-Markierung einmal hinter sich gelassen hat, wird alles wahrer und einfacher. Wenn wir die Zweieinhalbtausend-Meter-Markierung einmal hinter uns gelassen haben, wird alles wahrer und einfacher.
Sogar der Tod.

Nach der Geburt gehen sich die Frauen aussegnen lassen, sonst holt sie die Fangga. Sie hat Kinder in der Menschenwelt, Heidinnen, die niemals christlich werden, sie holt die Mütter, wenn sie sich nicht aussegnen lassen, und zerreißt sie. Haare hat sie auf der Zunge, einen Mund mit einem Lachen bis zu den Ohren und ein Kopftuch, das tief in die Stirn gezogen ist. Ihr Kittel ist aus Baumrinde und ihr Schurz aus Baumbart, sie ist alt und geht in den Wäldern herum und kommt in die Häuser ohne Mütter. Aber die Menschen fürchten sich vor ihr. Ihre Töchter sind frei. Sie leben unerkannt.
Ich wünsche dir Glück zum Engel, sagte man früher, die furchtbare Beschützerin breitet ihren Mantel aus und lässt sich die Seelen verstecken darin, die ungeboren Gestorbenen, die ungeliebt Gelebten und solche, die ihrem Leben selber ein Ende bereitet haben. Die schreckliche Fürsprecherin hat sie befreit aus den Dornen und Brennnesseln, die an der Oberfläche wachsen, sie nimmt sie mit heim, weil da alle eine Wohnung haben, wir halten hier zusammen, sagt der Bürgermeister. Die Marianna will sich nicht anschauen lassen vom Doktor, weil er noch ledig ist. Die Geschichten gehen vom Mund zum Ohr, er sagt, heute gibt es ein Auto und ein Krankenhaus, da werden die Kinder geboren und da sterben die Alten. Sie gehen aber trotzdem zurück in die Stuben, die Toten, und legen sich auf die Bank, weil sie noch Besuch bekommen von den Lebenden, bevor sie davonfliegen. Vor dem Gehen lassen sie sich versehen, damit sie nicht warten müssen auf die Ewigkeit.
Der Christusträger sagt, die Lebenden haben dann keine Ruhe mehr vor den Lebenden und die Toten brauchen mehr Zeit zum Gehen. Andere sagen, der Psalter bringt uns Frieden und den Toten. Die Engel sagen, fürchtet euch nicht. Habt keine Angst vor dieser Welt, wo das Wort Fleisch geworden ist.
Die schweren Glocken läuten und die Wolken verziehen sich.
Ich will, dass etwas zerbricht.

Das weiße Mädchen sagt, Fotografin wäre ich halt so gerne geworden, aber ich bin nirgendwo untergekommen. Sie hat mir ihren Ring geschenkt von früher. Zwischen den Bergen ein Mensch mit einem ganzen Herz. Die, die hier leben, sagen, was willst du in einer Woche schon wissen, wir kennen uns doch erst so kurz. Der gerade Weg ist trotzdem weit, er geht durchs ganze Tal, die Latschen heben ihre Finger zum Himmel, die Katzen pfeifen, weil ich komme und sie mich von weitem schon sehen.
Im dem kleinen Nebental wachsen giftige Blumen und Schönheiten, der Henkerswurz und der Fingerhut, das Totenblümli, sie ziehen einen roten Faden zwischen dem Horizont und den Bergen und an dieser Linie orientiere ich mich, sie zerschneidet die Luft und ich rutsche daran zurück zu meinem Großvater und zu meinen Bergen, die fast so aussehen wie dieses alte Granitgebirge. Ich bin bestenfalls ein Schieferplattenmensch, deswegen kenne ich mich hier nicht aus.
Heiliger Blitz zerschlägt das Gewässer, wenn es regnet, sitzen wir in unseren Häusern, weil wir nicht nass werden wollen. Diese schöne Zeit, dieses schöne Ertrinken im Taufwasser vom Himmel. Im Stein aus der Lawine sind wir gezeugt und leben zwischen den Platten des Gebirges, bis uns die Hebamme aus dem Baumstumpf zieht, glauben wir nichts anderes.
Die Fangga richtet ihre Schürze aus Baumrinde, siedet Pech in ihren schwarzen Pfannen und heilt die Menschen. Sie versteckt sich in den Wäldern, weil die Menschen nicht mehr geheilt werden wollen von einer Heidin. Was brauchen wir einen Stein, wenn wir glauben können? Werden wir nie gesund, wenn wir einmal krank waren? Werden wir niemals uns selber lieben können, wenn einmal der, den wir geliebt haben, gegangen ist? Aus meinem Gesicht rinnen Fäden und fallen Tropfen.

Hab keine Angst, sagt Mira, ich wohne hier allein und bin doch nicht einsam, solang mich nur ein Mensch ver steht. Fürchte dich nicht, wenn es donnert, sagt das weiße Mädchen, das ist hier oft so. Die Nona meint, alles geht vorbei, die Zeit heilt alle Wunden. Ich bin schon gespannt, was du machst, sagt die Tapfere, sie hat zwei Kinder. Ich bin eine Spätberufene, sagt sie, mit dreißig war sie eine Spätberufene.
Die Schädel in der Kirche von den Kindern, den Müttern und Vätern und Soldaten sind so schön angemalt, dass man meint, die Menschen hätten Angst vorm Weiß oder vorm Nichts, dabei ist es eine Geburtskirche. Aber viele sind einfach nicht mehr heimgekommen, vom Schmuggeln, vom Holzen und von der Alm oder aus dem Krieg. Vom Blitz erschlagen, von der Lawine verschüttet, ertrunken, beim Holzen unter die Baumstämme geraten. Die ersten zwei Gräber am Friedhof sind von zwei Männern, die der Berg zugedeckt hat mit Staub und Schnee. Sie zeigen den Kirchgängern, wer die Oberhand hat im Tal. Die mächtige Freundin reißt die Himmel auf und der Fluss geht über, sie streichelt den Berghang und die Lawinen gehen ab, sie schickt Regen und die Felder blühen und schickt die letzte Stunde, wenn es vorbei ist mit den Zeiten auf der Erde. Die ungeborenen Seelen verstecken sich in ihrem Mantel vor der Dummheit der Menschen, die glauben, dass uns das Wasser im Bauch der Mutter nicht genug zum Menschen macht und wir als Sünder auf die Welt kommen, und trotzdem sind wir unschuldig. Richte nicht, wir werden alle einmal gerichtet von dem Gott, der uns unser Herz geliehen hat.
Im Jamtal geht ein Skelett spazieren mit einem Kranz von Giftgewächsen, es sammelt alles Überflüssige und Unbrauchbare, es lacht, wenn du ihm etwas gibst, denn das bist du los. Der Tod wohnt in den Bergen und presst Steine zu Kristall. Er freut sich, wenn die Menschen kommen und ihm etwas da lassen, dann gehen sie heim mit dem blanken Ich, das nichts ist und keinem Schotter mehr zwischen den Rippen.
Deshalb sind die Menschen hier anders.
Der Boden ächzt unter dem Gewicht der Berge.
Wir fangen da an, wo wir glauben, dass wir aufhören.
Er sagt, lass mir etwas da, und zeigt mir seine Knochenhände, ich gebe ihm meinen Schieferplattenkörper und er macht mich leicht, so leicht.
Die Mädchen und Frauen halten eine Säule, die Leben heißt, vom Anfang bis zum Ende.
Der Wirt sagt, komm wieder einmal zu uns, und kostet einen Schluck vom Holunderbeerer.
Die Latschen bewegen sich in meinem Kopf vor lauter Wind.
Ich schreibe für euch die Geschichten von den Lebenden und den Toten.
Die schweren Glocken läuten und die Wolken verziehen sich.