Sagen aus dem Paznaun: Der Zitherspieler aus Langesthei

Das Paznaun ist eine historische Gegend, voller wilder Geschichten über clevere Menschen, vorausschauende Handlungen, gute und böse Gestalten, und meistens ist auch der Teufel nicht weit. Heute lernt ein Kappler in der Heiligen Nacht Zitherspielen wie ein junger Gott. Zitherspielen, das ist eine ziemlich schwierige Sache. Die wenigsten können es so gut wie Gottlieb Jehle aus Kappl, der nicht umsonst „Zither Gottl“ heißt, und der uns demnächst hier auf Trisanna einiges vorspielen wird. Es gibt aber eine Möglichkeit, Zither ohne großen Aufwand zu lernen, man braucht nur starke Nerven – und einen unverrückbaren Glauben an die alten Mythen des Paznauns.

Die Geschichte geht so: Stellt man sich zur Zeit des „Schreckläutens„, also in der heiligen Nacht zwischen elf und zwölf Uhr, an einen Kreuzweg und spielt Zither, so wird man dann ein ausgezeichneter Musiker, wenn man sich nicht bewegt und unverdrossen weiterspielt, egal was für windige Gesellen sich einem nähern und einen ansprechen. Vor vielen Jahren hat sich deswegen mal jemand während dieser Stunde auf den Kreuzweg unter dem Kirchplatz von Langesthei in Kappl gestellt und gespielt. Tatsächlich gingen manche dunkle Gestalten auf ihn zu, sprachen ihn an und gingen dann weiter. Er ließ sich von niemandem beirren, auch nicht, als er dachte, unter den Gestalten seine längst verstorbenen Eltern zu erkennen.
Ganz zuletzt kam auch noch der Teufel an ihm vorbei. Er redete ihn an, doch der Zitherspieler blieb ruhig. Der Teufel quälte ihn und führte ihn in Versuchung, doch der Zitherspieler blieb immer noch ruhig. Zu guter Letzt rückte der Teufel ganz nahe an ihn heran und drückte seine Finger so heftig in die Saiten hinein, dass das Blut unter den Nägeln hervorspritzte. Der Mann blieb ruhig.
Von da an war er der größte Zitherspieler seiner Zeit. Aber heute geht das anders. Da sind wir uns sicher.

Foto: Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek